Um die Zahl 666 ranken sich unzählige und unheilvolle Spekulationen. Sie haben ihre Ursache im letzten Buch der christlichen Bibel, der «Offenbarung des Johannes». Das Buch, das das Ende der Zeiten beschreibt und grauenvolle Bilder zeichnet, wird deshalb auch die «Apokalypse» genannt.
Die drei kurzen in griechischer Sprache verfassten Sätze in Off. 13:18 elektrisieren den nach Wahrheit suchenden Verstand: «Der Verstand (Weisheit) Habende berechne die Zahl des Tieres. Denn Zahl eines Menschen ist sie. Und seine Zahl (ist) 666».¹
Die Wucht dieser Worte besteht darin, dass sie das Besondere, das den Menschen gegenüber dem Tier auszeichnet ansprechen und die mit ihm einhergehende Sehnsucht nach dem Heil und deren Erfüllung möglich erscheinen lässt. Die Worte wenden sich an den denkenden Verstand, denn ihr zentrales Verb des Bibeltextes ist tatsächlich das «Berechnen», welches die Domäne menschlichen Vermögens ist.
So wundert es nicht, dass viele Denker eine Vielzahl von mathematischen Zusammenhängen gesucht und gefunden haben, welche die Zahl 666 umschreiben.² Sie alle aber bleiben im Hinblick auf die den Menschen eingeschriebene Suche nach Sinnerfüllung unbefriedigend. An dieser Stelle muss er doch wieder auf die erzählende Seite der Zahlen zurückgreifen. Die zählende und berechnende Seite der Zahl findet ihren Sinn in ihrem unverzichtbaren Hinweis auf den Inhalt der Zahl. Wer die Erzählungen erfassen will, der nähert sich ihnen über ihre zählende Eigenschaft, wie auch die Bibel als solche mit der Aufzählung von Tagen beginnt.
Der Kontext der apokalyptischen 666 ist die Erzählung von drei Tieren, welche auf der Erde wirken. Das erste und größte ist der aus dem Himmel auf die Erde stürzende «große Drache, die alte Schlange, die da heißt Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt …» (Off 12:9).
Der auf die Erde geworfene Drache entwickelt dort seine Wirkmacht und löst, von fortlaufenden Polaritäten (2) getragen kaskadenförmige Funktionen (3) aus. Er steht auf dem „Sand des Meeres“ und somit auf der Vielfalt der Dinge und auf zweifelbehaftetem und zwiespältigem Grund. Seine Funktion ist das Verbinden der dort herrschenden Gegensätze, das „Meer“ und das „Land“. Aus jedem der beiden Pole steigt ein weiteres Tier auf, welches das Sinnen des Drachens trägt (Off 13; 1ff). Das erste Tier erhebt sich aus dem Meer und das zweite aus der Erde. Im Hinblick auf den (Ur-)Drachen entsteht das Bild einer Triade. Mit anderen Worten: Das Wesen des Erdhaften und Tierischen ist – wie alles Existierende – prinzipiell ein Dreifaches. Nur favorisiert sein Wesen den „Blick nach unten“ und die Verhaftung in der Substanz! So negativ das Bild auch erscheint, es enthält bereits die Quintessenz der biblischen Weisheit, nämlich das Wissen über das wahre Wesen der Zwei. Deutlich wird das an der Beschreibung des ersten, aus dem Drachen hervorgehenden Tieres, das hier als das erste Tier bezeichnet wird, aber im Hinblick auf seinen Ursprung, den Drachen ein zweites ist. Das Tier verkörpert das Wunder, denn «eines seiner sieben Häupter war zum Tode verwundet und wurde heil« (Off 13:3)! Im sich aus dem Meer erhebenden Tier könnte der Mensch seine Suche nach dem Heil schon erfüllt sehen.
Doch die Verwirrung ist noch groß, denn dem Erdenwesen entgehen das wahre Wesen der Zwei und das Wesen der auf die Vollkommenheit gerichtete Sieben. Es bleibt noch in der Linearität und Zweiheit verhaftet. Die scheinbar uneingeschränkte Herrschaft der Unvollkommenheit alles Zweiten führt zu einer fraktalen Erweiterung der Phänomene der Zwei. So steigt neben dem Drachen und dem Tier aus dem Meer noch ein weiteres, nun «zweites» Tier auf. Es steigt aus der Erde empor und bildet zum Tier aus dem Meer wiederum eine neue Polarität. Das zweite Tier ist eine Steigerung des ersten und folgerichtig noch mehr in der Substanz verhaftet. Seine Erscheinung ist ein regelrechtes Abbild der Zwei. Es hat „zwei Hörner wie ein Lamm, redet wie der Drache, dient dem ersten Tier und zieht die Anbetung derer auf sich, die auf der Erde wohnen“. Die leben in ihrer Vorstellung von einem „Bild von dem Tier“ (Off 13,14 ff) das nur „nach unten“ zu schauen vermag und werden immer abhängiger von ihm. Endlich tragen sie selbst das Zeichen des Tieres, ohne das sie nicht einmal mehr kaufen und verkaufen können (Off 13:17).
Das Zeichen dieses zweiten und „anderen“ Tieres ist die Zahl 666. Die Zahl ist insofern die Zahl der Zwei. Zugleich ist das zweite Tier auch ein Abkömmling des großen Drachens und in diesem, seinen Verbund ein drittes Tier das «wirkt» und die Sechs, um die es letztlich immer geht, zur Wirkung bringt. Der erdverhafteten, linearen Perspektive ist die erhebende und erhobene Funktion der Drei noch fremd und auf numinose Weise andersartig. Aus ihr heraus erscheint die dritte Sechs in einer linearen Form – in der Zahl 666. Um diesen Widerspruch, diese Unterscheidung geht es beim Verstehen der 666. Der geheimnisumwitterte Zusammenhang der Zahl 666 besteht in der Linearität die sie vermittelt, die aber auch und vor allem das Wesen der Drei in sich trägt, das aus der tierischen Perspektive nicht ergriffen werden kann. Die 666 gibt das Wesen der Drei schlicht und einfach nur sehr verkürzt wider. Sie wird der vom Erheben und der Erhabenheit erzählenden, umfänglichen Qualität der Drei nicht gerecht.
Das Verwirrende und wahrhaft Diabolische in der scheinbar existierenden Perfektion der tierischen Welt ist die Tatsache, dass all ihre Erscheinungen den Zusammenhang der Archetypen Zwei und Sechs zwar aufzeigen, aber wegen ihrer Verhaftung auf der Erde die entscheidenden Dimensionsunterschiede nicht sichtbar machen und nicht vermitteln. Obwohl das Bild des Tieres „Feuer vom Himmel auf die Erde herabkommen lassen kann“ (Off 13:13), wirkt es dem Erschließen einer neuen Dimension entgegen. Einerseits ist das Tier-Sein ein Gefangensein in der 666. Andererseits vermag das Bewusstsein des Menschen, die höhere, in der Linearität verborgene Dimension zu erkennen. Der in der Polarität und auf der Erde lebende Mensch begegnet der 666 und geht mit ihr in rechter Weise um, wie er immer auch mit den Tieren in rechter Weise umgehen muss. Doch weiß er um den höheren, weil triadischen Gehalt der 666, auch wenn die Zahl das Höherdimensionale nur unvollkommen wiederzugeben vermag. Insofern ist die 666 nicht nur die Zahl eines Tieres, sondern auch und vor allem die „Zahl eines Menschen“ (Off 13,18).
Im Wissen um die Gefahr der Reduktion von Dimensionen erhält die schon in Off 12,4 vorangestellte Aussage über den Drachen und sein Wirken ihre notwendige Erklärung: „Und sein (des Drachens) Schwanz zieht den dritten Teil der Sterne des Himmels fort. Und er wirft sie auf die Erde“. (Off 12,4). Aus der Perspektive der Erd-Ebene ist die Zweiheit die alleinige Herrscherin. Ihre Darstellungsform ist die der Linearität. Die Drei, die eigentlich vom Erheben erzählt, erscheint dort als etwas Gebrochenes. Ihr Projektion ins Lineare führt beim Nichtwissenden zu Angst und Schrecken.