Was diese Zahl erzählt:

Was diese Zahl erzählt:

Der Begriff der „Emergenz“

von Michael Stelzner

Inhaltsverzeichnis

1. Der Begriff „Emergenz“

Der Terminus Emergenz (vom lat. emergere / dt. auftauchen) bezeichnet das plötzliche Hervortreten einer völlig neuen Qualität infolge des Zusammenspiels seiner Elemente. Das Kennzeichen von Emergenz ist, dass die neuen, emergenten Eigenschaften offensichtlich nicht oder nicht unmittelbar auf die Eigenschaften der Elemente zurückzuführen sind. Das verwirrt, denn was geschieht, das übersteigt die bis dahin geltende, lineare Logik. Das Phänomen der Emergenz führte zu dem bekannten Satz: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. 

Die Naturwissenschaft ist voll solcher Beispiele. Allein die Existenz der Aggregatzustände ist ein solches. So hat ein einzelnes Wasserstoffatom noch nicht die Eigenschaften eines Gases und ein Wassermolekül ist noch nicht nass.

2. Emergenz unter dem Blickwinkel der Archetypen

Um die plötzliche und unerwartete Manifestation einer qualitativ neuen Existenz begreifen zu können, muss man zunächst das Prinzip der Manifestation an sich verstehen. Im anderen Fall entsteht ein grundsätzliches Problem. So stehen die Wissenschaften vor dem bislang ungelösten Problem, die Existenz der Materie zu erklären. In der Sprache der Zahlensymbolik erklärt die Vierzahl die Existenz und die Qualität aller Substanzen. Aus ihrer Sicht gilt die Formel »Emergenz  4«. Kennt man das Wesen der Vierzahl, dann lenkt der o.g. Satz den Blick auf eine in ihm mitschwingende, mit ihm jedoch nicht wirklich geklärte und ausgesprochene Seite, nämlich auf das wahre Wesen der Teilehaftigkeit. Versteht man den Satz auf profane Weise, dann hebt er zwar die besondere Größe des Ganzen hervor, lässt aber die Teile in einem mitschwingenden „nur“ im Zwielicht stehen. Wer hingegen das Wesen der Vier kennt, der weiß, dass in allen Teilen das allgegenwärtige und unvergängliche Ganze wirksam ist und für eine fortlaufende Fruchtbarkeit sorgt, die profan gesehen in der Gestalt von Emergenz sichtbar wird.

Das Wissen um die Qualität der Zahl lässt den Unterschied zwischen einer Summe und dem Ganzen stehen, überbrückt ihn aber. 

Die Summe setzt Eingrenzung voraus. Wenn ich summiere, dann summiere ich jeweils Teile der gleichen Art. Mit anderen Worten, ich denke linear. Nur der kann summieren, der zuvor Anderes, Artfremdes ausgeschlossen hat. Eine Summe kann immer nur eine Summe auf der Basis einer vorausgehenden Einschränkung sein. Wer eine Qualität in Hinblick auf ein Summieren betrachtet, hat diese Qualität benannt und sie in der Art seiner Schau festgeschrieben. Diese Benennung sagt in erster Linie etwas über den Benennenden aus und in zweiter Linie etwas über das von ihm Benannte, das von ihm Vorgestellte, das „vor ihm Gebrachte“. Der Begriff der Summe ist notwendig ein eingeschränkter. Ihn recht zu verstehen, setzt voraus, dass man das Verhältnis von Ganzheit und Teilehaftigkeit geklärt hat. Das Ganze (1) ist ein solches, weil in und auch jenseits der Teilehaftigkeit (1 | 2, 3, 4 … …) „existiert“. Das Wesen der Vier und das von mir so genannte »Gesetz 1-4« setzt zweierlei ins Bild. Es macht den Unterschied zwischen dem Ganzen (1) und dem Teilehaften (4) deutlich. Im Blick auf die »Flussform der Zahlen« tritt die Ur-Differenz 1-2 in ihrer größeren, nun substantiellen Dimension in Form des Gegensatzes der Dreiecke I II in Erscheinung. Das Ganze ist nur deshalb ein wirklich Ganzes, weil es eben IMMER und in allen seinen Erscheinungsformen und in allen seinen Teilen »ganz« ist. 

Der Summierende alias der (nur) Rechnende hingegen bewegt sich innerhalb einer Linearität und wird deshalb zwangsläufig immer wieder mit dem unerwartet Neuen, eben der Emergenz konfrontiert. Ergo: Das Ganze MUSS notwendigerweise mehr sein als die Summe seiner Teile.

Zusammenfassend muss man feststellen, dass das Phänomen der Emergenz unverständlich bleibt, solange man nicht die Qualität der Einheit, den Ursprung aller Erscheinungen erfasst und nicht die Sprache der auf den Ursprung gerichteten Archetypen kennt. Die Naturwissenschaften stoßen im Phänomen der Emergenz auf eine im wörtlichen Sinn zu verstehende Fehlstelle ihrer Weltanschauung. Das Erfassen des »Gesetzes der Vier« löst den Fehler und Irrtum auf, indem es das Prinzip einer allgegenwärtigen (inhaltlichen) Addition als eine Art Urformel des Seins erkennt. Die Formel überwindet die begrenzenden Parameter einer jeweils geltenden Dimension. Der eine Dimension begrenzende Aspekt – die Zwei – gibt in der Formel sein wahres, hilfreiches aber zugleich auch täuschendes Wesen preis.

3. Die Begriffe „Emergenz“ und „Anfang“ oder der völlig andere Anfang

Wer das Phänomen der Emergenz verstehen will, der muss den Begriff des Anfangs hinterfragen und für sich verändern. Der Begriff des Anfangs, wie wir ihn verstehen, bildet die Polarität zum Begriff des Endes. Was einen Anfang hat, das hat auch ein Ende. Anfang und Ende gehören zusammen. Sie definieren sich gegenseitig.

Der so verstandene Begriff des Anfangs ist ein linearer, Er führt in die Unendlichkeit und schließlich ins Dunkel, denn man kann ihn endlos nach dem Anfang des Anfangs hinterfragen.

Die Frage nach dem „endgültigen“ und zugleich dinglich verstandenen Anfang hat neben der dunklen Seite eine andere und ihr übergeordnete Seite, die über die Verhaftung im Dinglichen hinausführt. Sie führt von den Dingen weg, hin zu einer Funktion, denn der wahre Anfang ist eben gerade kein Ding, sondern eine Funktion und ein Prinzip. Deren Wesen entdecken wir in der Dreiheit – genau genommen in der Drei-Einheit.

4. Emergenz und das Kreisgleichnis

Das Symbol für die Drei-Einheit und Vollkommenheit ist der Kreis, insbesondere der Einheitskreis. In ihm emaniert der numinose, dimensionslose Punkt und Ursprung zur Dimension der Kreisfläche. Das von mir so genannte »Kreisgleichnis« erzählt vom Wesen des Phänomens der Emergenz. Um den Kreis zum »Sprechen« zu bringen, müssen wir die in ihm enthaltenen vier Entitäten im Einzelnen beleuchten. Sie sind

((1)) der Ursprung und Punkt (•), 

((2)) der Radius (r) der Größe 1,

((3)) der Kreisumfang (U) der Größe 6,28…, 

((4)) und die Kreisfläche (A) der Größe P (3,14…).

((1)) Der Punkt ist das Symbol für das Ungreifbare und Ganze aus dem heraus sich die Gegensätze und Dinge manifestieren und schließlich entfalten. Um sein Wesen zu erfassen, bedarf es der Hinwendung zu diesen vier o.g. Manifestationen. Der Ursprung gibt sein Geheimnis erst preis, wenn man auch die Wesen von Radius, Umfang und Fläche sowie deren Beziehungen erfasst hat.

((2)) Die erste greifbare Entität im Einheitskreis ist die gerade Strecke der Größe 1 – der Kreisradius (r). Er veranschaulicht über das Prinzip der Polarität in Form seines Anfangs und seines Endes die erste sichtbare Dimension. Aus diesem Erst-Emanierten emaniert sein Gegenpol, der Umfang.

((3)) Ist der Radius eine begrenzte und gerade Strecke, so ist der Umfang nun eine unbegrenzte und krumme Linie. Radius und Umfang sind einerseits Gegensätze. Andererseits verbindet sie die Eigenschaft der Linearität. Beide unterscheiden sich scheinbar maximal voneinander und doch sind beide (nur) Linien. Ihre Polarität verlangt nach einem Dritten, das ein solches nur sein kann, wenn es die Existenzebenen ihrer Wurzeln übersteigt. Das macht die Fläche. 

((4)) Die Fläche emaniert aus beiden heraus zu einer völlig neuen Qualität. Das nun Flächenhafte bildet zu dem ihm vorangehenden Linienhaften wiederum eine Polarität. Insofern erkennen wir einen über die Zweiheit sich entwickelnden, fraktalen Vorgang, der fortlaufend emaniert. Entsprechend vielfältig sind seine Erscheinungen.

Abb. EI-Kr   Der Einheitskreis (r =1) umschließt das Quadrat der Fläche 2. Vermittelt wird die „Verbindung der Gegensätze“ 1 und 2 durch eine Funktion (3), die von zweifacher Natur ist und in einer nichtrationalen (irrationalen) Gestalt der Sechs (6,28…) erscheint.

Die erste Polarität, in der man einen dimensionsübergreifenden Aspekt wahrnimmt, ist die polare Beziehung zwischen Punkt (Ursprung) und Linie. Sie bringt das Dritte, den Umfang hervor. Das „Umfangende“ ist eine Funktion, in der die zwei vorangehenden polaren Eigenschaften zu einer neuen Qualität aufgewertet und sichtbar werden. Die die Gegensätze verbindende Bewegung und Funktion des Umfangenden wird in der Größe 6,28… sichtbar. Seine Bewegung ist eine polare. Sie besteht in einer Aufwärts- und Abwärtsbewegung, die zusammen etwas Neues definieren. Das ist gemäß der Drei das vertikale Unterscheiden. Das Hervortreten von oben und unten ist die neue Qualität, die den vorangehenden Linien noch fremd war.

Im Hervortreten des Gewölbten und Umfangenden wird die ursprüngliche Polarität (2) zu einer Funktion (3), deren polares Erscheinen ihrerseits die Sechszahl hervorbringt. Das Wesen der Sechs verbindet und es führt in seiner Auf- und Neubewertung des Polaren zur Emanation eines völlig Neuen, das die Einheit und Ganzheit mit sich führt. Im Falle des Kreises und seines Gleichnisses wird der einst numinose Ursprung (Punkt) nun mit Dimension erfüllt. Möglich wird das, weil die Polarität und Zweiheit in der mit ihnen geführten Spannung nicht ab, sondern aufgewertet wird. Konkret bleibt wie schon im Umfang auch in der Fläche das Irrationale und nicht vollständig Berechenbare bestehen. Es führt nun sichtbar und spürbar zur Emanation der neuen Qualität, zur Dimension der Fläche. Ihr Merkmal ist die völlige Integration des scheinbaren „Fehlers“ (2), des Halben und Mängelbehafteten. Die Fläche Pi (3,14…) existiert gegenüber seinem Verursacher (U = 6,28…) ausdrücklich durch und in einem Halbsein. Seine Würde erwächst aus dem nun sichtbarwerdenden Verhältnis zur Einheit und Ganzheit, denn das ist 1:2. 

Kreise, insbesondere der Einheitskreis erzählen vom wahren Wesen der Zwei, weil sie ein nicht weiter reduzierbares Symbol der Einheit sind, aus dem die Zwei und damit die Vielheit sichtbar emaniert. Sie erzählen wie kaum ein anderes Symbol vom Verhältnis der Zwei zu ihrem zum Ursprung, der Einheit. Der Einheitskreis zeigt aber noch mehr als nur das Entstehen der Kreisfläche aus der von der Polarität verursachten Sechszahl. Er erzählt von der gesamten Vielheit, die er umschließt und die in Form der möglichen Vielecke anschaulich wird. Von herausragender Bedeutung ist dabei das von ihm umschlossene Quadrat. Es hat die Fläche der Größe Zwei! Das bedeutet: Der Einheitskreis symbolisiert die Emanation des Archetyps der Zwei aus der Einheit heraus. Die von der Einheit umgebene Zwei ist eben nicht nur ein Fortlaufendes, wie das die Vorstellung vom Zahlenstrahl erscheinen lässt. Sie ist eine Emanation! Sie ist eine vollständig neue Qualität – eben das Zweite. Das Bild vom Einheitskreis der das 2-Quadrat umschließt, verändert den Blick auf die Unmöglichkeit der Quadratur des Kreises, denn es verlangt in seiner Konsequenz, die Zahlen als Archetypen zu behandeln. 

Das vom Einheitskreis umschlossene 2-Quadrat umschreibt nicht weniger als die geometrisch abgebildete Entstehungsformel aller Formeln (siehe 1—4), die mit Hilfe der Vier Gestalt bekommt. Die in ihr sichtbarwerdende Auf- und Höherbewertung der Zwei schlägt sich, wie zuvor gezeigt, in der Zahl 6 nieder. Der Kreisumfang 6,28… transportiert das Wesen der 6 einschließlich seiner in ihm enthaltenen „Unvollkommenheit“ in Form seiner nicht vollständig möglichen Berechenbarkeit. Die Botschaft der Kreisfläche (siehe Pi = ½ x 6,28…) hat indes noch eine sehr larvierte Form. Im umschlossenen 2-Quadrat hingegen tritt das Wesen der Zwei in eigenständiger (emergierender) Form auf. Es begründet die konkreten Manifestationen (4). 

Im Einheitskreis entfaltet sich nicht nur das Quadrat, sondern alle scheinbar gebrochene „Vielheit“. Im Bezug zum erst erscheinenden, allseitig symmetrischen Quadrat entfalten auch alle anderen Archetypen ihr Wesen in Form der ihnen entsprechenden symmetrischen Vielecke. Einen besonderen Platz nimmt dabei das regelmäßige Sechseck ein. Es verweist nicht nur auf die ursprüngliche Dynamik seiner Entstehung. Es ist auch das einzige, das der Wahrhaftigkeitsformel „wie innen, so auch außen“ folgt, denn die Größen seiner Seiten sind identisch mit dem sie hervorbringenden und somit maßgebenden Radius (r = a = 1). Diese über die 6 emanierende Identität ist die Gangart der Evolution.

5. Die Wunder des Lebens, die Ordnung und die Phänomene der 6

Das unter dem Begriff der Emergenz gemeinte Emporsteigen vorher nicht vorhandener und nicht vorhersagbarer Eigenschaften ist gleichbedeutend mit dem Begriff des Wunders. Wir begegnen ihm und dementsprechend der 6 an den Schnittstellen der Dimensionen des Lebens. 

Die chemischen Bestandteile eines Lebewesens können nicht erklären, was Leben ist. Mit dem Prinzip Leben selbst tritt eine völlig neue Qualität in Erscheinung. Doch auch für den in seiner linearlogischen Weltsicht beheimateten Naturwissenschaftler beruht Leben auf Organisation und die wiederum auf dem Vorhandensein von Ordnung. Wenn es eine universelle Ordnung, eine „Ordnung aller Ordnungen“ gibt, was die Grundannahme und die Triebkraft der Wissenschaft ist und was uns die Harmonien der Zahlen zeigen, dann erkennen wir sie in der Existenz von Archetypen, welche diese Ordnung in sich tragen.

Dem Schein nach sind Emergenz und Ordnung derart verschieden, dass sie einander ausschließen. Tatsächlich aber lehrt uns das Leben das Gegenteil. Wir erleben sie nebeneinander. Sie bedingen sich und so gilt, Emergenz und Ordnung zusammenzudenken. Das Leben ist eine emergente Erscheinung, das selbst fortlaufend emergiert. Jede neue Emanation entfaltet dabei zunehmend erkennbar die ihm immanente Ordnung. Andersherum: Wer das Leben verstehen will, der muss die fortlaufend emergierende Organisation von Ordnung durchschauen.

Ordnung und Organisation sind grundsätzlich eines, doch stellt sich die Frage nach dem Grad ihrer Sichtbarkeit. Die Sichtbarkeit selbst entsteht mit den Subjekten, den lebendigen Wesen. Unter ihnen erreicht das Bewusstsein des Menschen den höchsten Grad (siehe Pyramidensymbolik), denn es vermag die Selbstorganisation alles Da-Seienden zu entdecken (siehe Gesetz der Vier) und es vermag zu entdecken, dass dabei der Selbstbezug (siehe Quadratprinzip) die entscheidende Beziehung der Fortentwicklung ist. Der Mensch entdeckt das allenthalben, so in der Folge der Reihe des Fibonacci (1-1-2-3…) wie auch in den Humanwissenschaften, der Religion, der Ethik u.a. 

In dem neu erworbenen, umfassenden Blick auf das allgemeine Sein und das konkrete Dasein werden nicht nur der Selbstbezug, sondern auch dessen Folge und der Preis sichtbar, den es fordert: die Notwendigkeit des Opfers. Denn: Die Selbstreproduktion gilt nicht den Dingen, sondern der Funktion der Organisation. Das Leben und seine Selbstorganisation erhalten die Organisation während „die Dinge“, die Organismen vergehen. 

Das Opfer und das in ihm aufscheinende Wesen der Sechs ist wohl kaum eindrucksvoller zu erklären als durch die Sexualität. Das männliche Prinzip ergießt sich in Form des Spermas in die Samenzelle. Im Verschmelzen beider erleidet es aus der Perspektive der vorangehenden Dimension den Tod. Es opfert sich. Im Opfer entsteht ein zuvor nicht vorstellbares, neues Leben. 

Was in der Sexualität über die Sinne wahrgenommen wird, das existierte schon in den ihr vorangehenden Daseinsdimensionen. Was den Sex erfahrbar macht, das vermittelt schon der Zucker, der gern der „Honigtopf des Lebens“ genannt wird. Das Süße wird über 6 kettenförmig verbundene Kohlenstoffatome hervorgebracht. Die lebendigen Wesen, die diese Vermittlung annehmen und gern umsetzen, sind solche, weil ihr Grundbaustein kein beliebiger ist. Das Organische beruht auf der Existenz des Benzolrings (C6H6). In ihm verbinden sich sechs Kohlenstoffatome zu einem Ring, zu einem Ganzen. Auch der Kohlenstoff selbst repräsentiert die Sechs, denn seine sechs Kernbausteinen machen ihn zum 6ten Element des Periodensystems der Elemente. 

Die Emanationsfolge des Lebens lässt sich entlang der Sechs bis in das Periodensystem der Elemente zurückführen, dessen Struktur weit vor die Existenz dessen zurückreicht, was wir Leben nennen. Seine Ordnung ist im mehrfachen Wortsinn eindeutig die Ordnung der Zahlen. Die Ansicht, die Zahlen seien eine Erfindung des Menschen, verhindert die Art Erkenntnis, die der Schlüssel zur Weisheit ist.

6. Emergenz und ihre Allgegenwart in der „Viel-Zahl“

Das Wesen von Emergenz erscheint uns augenscheinlich im Archetyp der Sechs. Doch erfahren wir es schon viel früher. Im Wesen der Vier erkennen wir es in der fruchtbaren Einbindung des Zweiten, des Anderen und scheinbaren Widersachers in einem manifestierten Ganzen (4). Die Emergenz erklärt dort erstmals auf dingliche Weise das Zusammenwirken des ungreifbaren Einen mit dem (Be-)Greifbaren zu denen als Erstes die Zahlen zählen. 

So ist es kein Wunder, dass das Auftreten von emergenten Eigenschaften sehr wohl von der Zahl seiner Elemente abhängt. Die Eigenschaften der Elemente Wasserstoff und Sauerstoff lässt nicht auf die Eigenschaften von Wasser schließen. Erst deren Vielzahl ermöglicht auch deren Emergenz. Obwohl Wasser bei Zimmertemperatur flüssig ist, ist dies ein einzelnes Wassermolekül noch nicht. Bei vielen chemischen Stoffen kann man zeigen, dass erst eine Mindestanzahl an Einzelelementen die emergente Eigenschaft hervortreten lässt. Die Beispiele des Waldes oder eines Schwarmes machen das deutlich. Viele Eigenschaften eines Waldes oder eines Schwarmes lassen sich in einem einzelnen Baum oder einem einzelnen Tier nicht wiederfinden. Die Emergenz geht einher mit der (Viel-)Zahl. Die Botschaft ist eindeutig: Die Zahl ist der Urtyp der Emergenz. Jede Zahl emergiert aus der ihr vorangehenden Zahl und weißt neue, ihr typische Eigenschaften auf. 

Nicht nur die Biologie führt uns ein ganzes hierarchisches System von Emergenzen vor Augen. Auch die Mathematik und die Geometrie machen das. Auch sie sind Ausdruck von Emergenz, weil ihre Elemente, die Zahlen systematisch, d.h. die Ordnung begründend, auseinander hervorgehen – sie emergieren auseinander. Wenn wir von sogenannten sich selbst organisierenden Systemen und deren fortwährenden Rückkopplungsprozessen sprechen, besteht die Gefahr, den Begriff der Emergenz zu inflationieren und nicht nach den hinter ihm stehenden wirklichen, weil bewirkenden Archetypen zu fragen.

7. Emergenz und die (un)vollständige Beschreibung der Welt

Der Kosmos ist vom Prinzip der Emergenz durchdrungen. Durch sie entwickelt er die phantastische Pluralität seiner Phänomene. Diese Erkenntnis hat weitreichende Folgen. So schließt die Tatsache, dass Emergenz überhaupt existiert, die vollständige Beschreibung der Welt aufgrund einer rein dinglichen Sichtweise, wie die der Physik und ihrer Elementarteilchen aus. Die Existenz von Emergenz wiederspricht der absoluten Herrschaft (Omnipotenz) von dinglich-naturwissenschaftlichen Erklärungen, wie sie im Gedanken eines Laplace’schen Dämon formuliert wurde. 

Das Kreisgleichnis das vom Wesen der Zwei, des Begrenzten und der Grenze und zugleich vom Wesen der Sechs und seiner Fruchtbarkeit durch Emergenz erzählt, untermauert den von KURT GÖDEL einst formulierten, sogenannten Unvollständigkeitssatz. Wie das Kreisgleichnis berichtet auch er von der Grenze, die man nicht überschreiten, sie aber betreten und darin seinen Horizont erweitern kann.

8. Die Größe Pi und der Archetyp der Substanz

Pi ist im voran erzählten Kreisgleichnis eine vierte Emanation, entstanden durch eine dreimalige Emergenz (• r U Pi). Die Größe Pi ist somit nicht nur die Rechengröße, die das Kreisverhältnis bestimmt. Als ein Viertes ist sie auch und vielmehr der Archetyp der vollkommenen Substanz, welche erst durch die Zwei und Zweiheit und der ihr zugehörigen „Fehlerhaftigkeit“ existiert. Es ist genau die Substanz, die wir kennen und mit der wir uns jeden Tag auseinandersetzen (siehe Symbolik 4—5). Erstaunlicherweise erscheinen ihre Manifestationen trotz ihrer allgegenwärtigen Fehler endlich immer wieder in einer wundervollen Vollkommenheit. Das beobachtet man allenthalben in den anorganischen Strukturen ebenso wie in den komplexen organischen Strukturen.

Jene aus dem Kreisgleichnis hervorgehende Emanation Pi ist der neue, nun mit Dimension erfüllte Ursprung, aus dem wiederum ein Neues emaniert, das sodann zum Kreis gegenpolar erscheint. Dem Kreis, dem Symbol der Einheit (1) steht so die Welt der Vielheit (4) gegenüber, in der die gebrochenen, eckigen und kantigen Formen beheimatet sind. Wir begegnen ihnen symbolisch in den zahlreichen symmetrischen Vielecken, die sich im Kreis bilden lassen und unter denen – wie beschrieben –  das Quadrat der Fläche 2 und das Sechseck (siehe r = a = 1, „wie innen, so auch außen“) eine besondere Aussagekraft entwickeln. Alle die symmetrischen und doch gebrochenen, eckigen und kantigen Formen werden vom Einheitskreis umschlossen. Ergo: die Ganzheit um schließt das Gebrochene. Um diese Beziehung und dieses Symbol kreisen alle Religions- und Weisheitslehren.

Heute müssen wir nicht mehr allein auf sie vertrauen. Auch die modernen Naturwissenschaften, insbesondere die Quantenphysik und die Relativitätstheorie vervollkommnen unser Weltbild, sofern wir sie aus dem Blickwinkel der Existenz von Mustern im Sinne von Archetypen betrachten. So fällt bei dem voran erzählten Kreisgleichnisses eine Analogie zu der durch Einstein bekanntgewordenen Masse-Energie-Relation ins Auge. Die Kreisformel und die Masse-Energie-Relation zeigen das gleiche Muster. Das kann man nicht ignorieren, denn die Wissenschaft lebt vom Vergleich von Mustern. Wissenschaft ist Mustererkennung. 

A  =  π   r2

E  =  m • c2

Das einander Entsprechen von π und m mag zunächst erstaunen, untermauert aber das voran vom Kreisgleichnis Erzählte. Auch dort entsprechen sich die sogenannte Kreiszahl π und der Begriff der Substanz m als die vierte Emanation.

Welche Bedeutung der Ähnlichkeit der beiden mächtigen Formel zukommt, erörtere ich im Aufsatz „Zwei mächtige Formel und ihre Botschaft“.

9. Die Suche nach der Weltformel und das Prinzip der Emergenz

HELMUT HILLE nennt die Emergenz „Die WELTFORMEL ohne Formel“ (http://www.helmut-hille-philosophie.de/emergenz.html). Tatsächlich ist die Emergenz das Prinzip des Entstehens schlechthin. Wir, die wir an das Konkrete gebunden sind, versuchen zunächst dieses universelle Wirken in Begriffen, dann aber auch möglichst in einer „universellen Wirkformel“ zu erfassen. Das bedarf einer universellen Sprache. Die einfachste und wahrscheinlich auch die einzige uns zur Verfügung stehende universelle Sprache ist die der Zahlen. Deshalb wird die gesuchte Formel eine „Zahlenformel“ sein müssen, also eine Formel, die nur aus Zahlen besteht.

Eine Formel drückt eine Beziehung aus. Eine Beziehung wird in seiner einfachsten Form als die Beziehung zweier Elemente ausgedrückt. Im Bild der Zahlensprache ist das die Beziehung der zwei ersten Entitäten, der Zahlen Eins und Zwei. Diese erste aller Beziehungen (1—2) steht im Grunde schon für die so genannte Weltformel, denn aus dieser Urbeziehung erwachsen alle weiteren. Nur kann man eine Beziehung noch nicht als Formel bezeichnen, wenn in der Abfolge der Archetypen das Prinzip der Form und damit das der Formel noch nicht definiert ist. Das erfolgt erst mit der Zahl 4. 

Die Skalieren, Entwickeln und Projizieren der Urbeziehung (1—2) hinein in die Qualität der konkreten Form (4) führt nach dem Muster der (triadischen) „Flussform der Zahlen“ zum Verhältnis der Zahlen 1 und 4. Auch die Beziehung „1—4“ startet bei der Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit (1), umfasst aber das für eine Formel notwendige Prinzip des Manifesten und Konkreten (4). Deshalb nimmt erst sie den Platz einer „Weltformel“ ein. Natürlich ist diese „Formel“ im mathematischen Sinn keine Formel. Aus mathematischer Sicht ist sie fehlerhaft – wie übrigens alle konkreten Dinge endlich fehlerhaft sind. Ihr Fehler aber ist ein besonderer, denn er ist der Archetyp des Fehlerhaften, der erklärt, weshalb das Fehlerhafte existiert und wie aus ihm durch Emergenz eine neue Existenz emaniert.

Der an die Einheit gebundene Fehler ist gewissermaßen der wahrhaftige Fehler, denn er ist der bewusste Verzicht auf Vollständigkeit. Er ist gewollt und freiwillig. Der Begriff, der solche Sicht und Verhalten erfasst, ist der des Opfers. Die „Formel 1-4“ erbringt aus der linearen, mathematischen Sicht heraus ebenfalls ein Opfer. Es ist das denkbar größte, denn die Formel verzichtet in ihrer Reduktion auf nur zwei Archetypen auf das Benennen eines konkret Dinglichen. Darin respektiert sie in extremer Weise die Vielheit und ihre fortlaufende Veränderung im Sinne des „panta rhei“ (alles fließt) des HERAKLIT oder des von ARISTOTELES postulierten „unbewegten Bewegers“ am Anfang aller Dinge.

Nur eine Formel, welche die durch sie getroffene Aussage konsequent auch auf sich selbst bezieht, kann eine Weltformel sein. Die Formel 1-4 spricht von dem Übergang der Einheit und Ganzheit (1) in die manifeste Vielheit (4). Sie schließt das, was sie manifestiert (4) wiederum in sich ein und ist sich dabei stets selbst am nächsten. Diese Formel hält nichts fest. Sie bringt sich zum Opfer und in ihm sich selbst immer wieder hervor. Sie ist wahrhaftig. Die Formel adelt das scheinbar fehlerhafte Wesen der Zwei.¹ 

Fußnoten

¹ Auf die Frage nach dem Wesen des Wissens bemerkt Helmut Hille:

„Die Anverwandlung des Fremden in das Eigene ist die Strategie des Lebens schlechthin. Der aneignende Charakter des Lebens schlägt auch voll auf das Wissen durch und bestimmt das Wesen des Wissens: Wissen ist das Ergebnis der Anverwandlung empfangener Daten an die Verständigkeit des Beobachters, wodurch aus dieser Verschmelzung von objektiven und subjektiven Elementen zu einer neuen Einheit eine neue Wirklichkeit entsteht, die wir die geistige nennen.“ (http://www.psychophysik.com/html/re023-hille.html)

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