Lk 13,1-9 Zu dieser Zeit waren aber einige zugegen, die ihm (Jesus) von den Galiläern berichteten, deren Blut Pilatus mit ihren Schlachtopfern vermischt hatte. Und er (Jesus) antwortete und sprach zu ihnen:
Meint ihr, dass diese Galiläer vor allen Galiläern Sünder waren, weil sie dies erlitten haben?
(n. Luther: „… dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer…“)³
((1)) NEIN, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht umdenkt⁴, werdet ihr alle ebenso umkommen. Oder jene 18⁵, auf die der Turm in Siloah fiel und sie tötete: meint ihr, dass sie vor allen Menschen, die in Jerusalem wohnen, Schuldner waren?
(n. Luther: „… dass sie schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen?“)
((2)) NEIN, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht umdenkt, werdet ihr alle ebenso umkommen.
((3)) Er sagte aber dieses Gleichnis: Es hatte jemand einen Feigenbaum, der in seinem Weinberg gepflanzt war; und er kam und suchte Frucht an ihm und fand keine. Er sprach aber zu dem Weingärtner: Siehe, 3 Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. Hau ihn ab! Wozu macht er auch das Land unbrauchbar? Er aber antwortet und sagt zu ihm: Herr, lass ihn noch dieses Jahr, bis ich um ihn graben und Dünger legen werde! Und wenn er künftig Frucht bringen wird, <ist gut,> wenn aber nicht, so magst du ihn abhauen.
Die Erzählungen von der Verfluchung des Feigenbaums kommen nur im Matthäus- und im Markusevangelium vor. Ihre Botschaften werden im Lukasevangelium im Gleichnis vom Feigenbaum aufgenommen und weiter entfaltet, ohne dabei die frühere, polarisierende Verfluchung durch Jesus direkt zu thematisieren.
Bei Matthäus und Markus standen die Spannungen der Erzählungen im Vordergrund und sie haben sie auf polare Weise erzählt. Schon bei ihnen wurde dem Leser klar, dass die Erzählungen nur durch eine triadische Herangehensweise wirklich zu verstehen sind. Fehlt eine solche, so wirken die Handlungen Jesu emotional, willkürlich und sogar ungerecht gegenüber der unschuldigen Natur. Unter Einbeziehung der archetypischen Zusammenhänge und damit einer ganzheitlichen Betrachtung, ändert sich das Bild. Die Handlungen Jesu erscheinen sodann in einem umfassenderen Kontext. Sie werden verstanden und sogar als notwendig erkannt. Obwohl der größere Kontext schon bei Matthäus und Markus durchscheint, bleibt ihre Aufgabe, die notwendige Polarität hinter den Erzählungen ins Bild zu setzen. Das reicht dem Dritten, Lukas nicht mehr. Seine Darstellungen übersteigen denen von Matthäus und Markus. Lukas fügt sie zu einem Dritten und Größeren zusammen. Das gelingt ihm durch eine neue Dimension, eine zeitliche Dehnung der Ereignisse. Das zuvor unerträglich Erscheinende fächert Lukas zeitlich auf und rechtfertigt es jeweils in einzelnen Handlungssträngen und ihren Kontexten.
Das lukanische „Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum“ ist eingebettet in eine größere Erzählung. Lukas geht es dabei nicht um die Spannung selbst sondern um die Wirkmächtigkeit (3) der Subjekte (5) die bewusst gelebt werden will und dem Gesetz nach gelebt werden muss. Lukas erhebt sie zum Gegenstand seiner Erzählungen. Auch im Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum sind es die Widersprüche (2) aus denen notwendig eine Funktion (3) erwächst. Es geht um das spezielle So-Sein und dessen Fruchtbarkeit.
Vor dem Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum finden wir deshalb andere Gleichnisse, welche die Unterschiedenheit von „Sicht-Ebenen“ aufzeigt und sie an einer ganzheitlichen Funktion wägt. Lukas erhebt sich über die subjektiven, Partei ergreifenden Sichten vereinigt sie in den handelnden Subjekten seiner Gleichnisse. Dem Gleichnis vom Feigenbaum gehen gezielt die Gleichnisse vom „treuen und untreuen Knecht“ (Lk 12:35-53)⁶ und die Erzählung der „Entzweiung um Jesu willen“ voraus. Das Gleichnis von den Knechten ergreift die einfache Polarität von recht und unrecht (treu und untreu) und überführt sie in eine Dreizahl von Knechten, indem er das Unrecht (Untreue) weiter differenziert in wissentliches und unwissentliches Unrecht. Dem rechten und treuen Knecht stehen sodann zwei unrechte und untreue Knechte gegenüber, der wissentlich unrecht handelnde und der unwissentlich unrecht handelnde Knecht. Ihnen muss unterschiedlich begegnet werden.
Das Unterscheiden und Zusammenführen von Polarem (2) und Triadischem (3) macht das Subjekt (5) aus, um dessen Tun es am Ende immer geht. Das führt Jesus in seiner Rede von der „Entzweiung um seinetwillen“ (Lk 12:49 ff)⁷ aus. Sein Tun und das Tun um seinetwillen ist ein rechtes und verbindliches Tun. Das Gleichnis und seine Botschaft gehen gezielt dem Gleichnis vom Feigenbaum voran. Es illustriert den rechten Umgang (3) mit der Polarität (2) und schafft die Grundlage zum Verstehen des Gleichnisses vom unfruchtbaren Feigenbaum. Das rechte Tun ist ein Tun, das weder von Feigheit noch von Aktionismus beherrscht wird.
Dem Gleichnis vom Feigenbaum stellt Lukas in einem Satz unmittelbar ein Bild voran, das im Leser unvermeidbar Zwist und Zwietracht (2) als Gräuel aufruft: „Zu dieser Zeit waren aber einige zugegen, die ihm von den Galiläern berichteten, deren Blut Pilatus mit ihren Schlachtopfern vermischt hatte.“ (Lk 13:1). Die Gegnerschaft zu den Galiläern hatte Pilatus, der 26-36 n.Chr. in Judäa und Samaria Kaiserlicher Statthalter war, veranlasst, einige seiner Feinde wie Tieropfer zu behandeln. Lukas zeichnet mit seinen Worten ein Bild von extremer, kaum zu ertragener Polarität, welche regelrecht nach einer die Spannung lösenden Dynamik schreit. Die vorgegebene Zeit der Handlung wird als eine besondere, eine „teilhaftige Zeit“ formuliert. Die Formulierung „einige, welche zugegen waren“ umreißt den Zustand des „Nicht-Ganz-Seins“ und benennt darin den Archetyp der Zwei. Der aber erfordert im lukanischen Bild das Hervortreten der Drei in ihrer verbindenden Funktion.
Der Text erfasst das Trennende (2) und zugleich Verbindende (3) mit zwei Wörtern, welche beide sowohl die Spannung (2) als auch deren Funktion (3) aufrufen: „vermischen“ und „Blut“. Blut symbolisiert die das Leben ausmachende, verbindende Funktion. Auch das „Vermischen“ ist eine Funktion. Nur wird sie hier vom Hörer oder Leser im ersten Moment negativ gedeutet, da Pilatus Menschsein und Tiersein gleichsetzt. Das bestürzt. Es bestürzt ebenso wie einst das Verfluchen des Feigenbaums durch Jesus bei Matthäus und Markus. Tatsächlich verurteilt Jesus das Handeln des Pilatus nicht. Pilatus hat das für ihn notwendig vergossene Blut rituell eingebunden und sein Tun geheiligt. Dieser für den Leser ungeheuerliche Vorgang ist nicht weniger als die Eröffnungserzählung für das Gleichnis vom Feigenbaum.
Jesus beschreibt anhand des Beispiels, wie die Gottheit mit Menschen umgeht, die sich nicht bemühen, das gestörte Verhältnis zu ihr wieder zu erstellen und ihr Denken nicht auf sie hin „umkehren“. Das ist der große Rahmen, in dem das Gleichnis gedeutet werden will. Man kann ihn auf zweierlei Weise verfehlen. Die eine ist Ablehnung durch Feigheit wie Adam und Eva es mit den Feigenblättern getan haben. Die andere ist Ablehnung durch Aggression, wie sie durch Nichtwissen vom Logos in der Fehldeutung vom Verdorren des Feigenbaums aufkommt.
Bei Lukas geht es um das verbindende Dritte. Die Zweiheit und Polarität (2) ist der Steigbügel für die Funktion (3). Auf letztere kommt es an. Die Polarität hat in Bezug zur alleinigen Existenz des Einzelnen und Abgegrenzten (2) keinen dauerhaften Wert. Sie zieht ihren Wert aus der Hinrichtung zur Ganzheit (1), die sie über die Funktion des Verbindens (3) mit dem bis dahin Ausgeschlossenen erhält.
Lukas geht es um Hierarchie und Zusammenhang der Archetypen 2 und 3 in seiner besonderen Gewichtung der 3. Das Gleichnis vom Feigenbaum beginnt deshalb mit zwei furchtbaren Erscheinungen, dem blutigen Opferritual und den 18 Opfern beim Umfallen eines Turmes. Jesus benutzt zwei Verneinungen. Das eigentliche Gleichnis vom Feigenbaum ist dann das von Jesus erzählte, verbindende Dritte. Es erklärt das Wesen der Drei und ihrer rechten Funktion.
Die erste Verneinung ((1)) stellt mit Hilfe der Zahl 18 die Notwendigkeit vor, sich über die Welt der Polarität zu erheben. Das Geschehen ist nicht mehr aus der Sicht des Einzelnen und Abgetrennten zu beurteilen. Die Zahl 18 ist in der triadischen Zahlenstruktur der Gipfelpunkt dieser Polarität und das Subjekt dort potenziell im Besitz ihrer Weisheit. Die 18 ist eine Wegscheide zwischen dem „Einsturz“ einerseits und der Grenzüberschreitung zum Jenseitigen und Geistigen andererseits (s. Aufsatz zur 18)
Die zweite Verneinung ((2)) räumt den Zweifel daran aus, dass es einen anderen Weg zum Leben gibt, als die Hinwendung zur Gottheit – die Parteinahme.
Der dritte Punkt ((3)), das eigentliche Gleichnis vom Feigenbaum verbindet die Auffassung vom Umhauen (2) des Baumes mit der doch möglichen Fruchtbarkeit. Auch wird die notwendige Bedingung für die Fruchtbarkeit genannt: Es ist zum einen das „dritte Jahr“, in dem entschieden wird, und es ist das durch den Entscheid erfolgende „Umgraben“ und „Düngen“. Wer düngt, der fügt Fehlendes hinzu, so, wie in der Polarität die Eins der Dünger der Zwei ist und umgekehrt. Wer „umgräbt“, der stellt einen ringförmigen Graben um den Baum her, der das Fehlende, den Dünger aufnimmt. Der Kreis ist das Symbol für die Gottheit, die Einheit und Ganzheit, die stets der Maßstab für das Entscheiden und das Tun sein müssen.
Bei der ausführlichen Beschreibung der rechten Dynamik lässt das Gleichnis jedoch keinen Zweifel an der Notwendigkeit der Existenz von Gegensätzen (2) aufkommen. Es lässt darüber hinaus auch keinen Zweifel aufkommen, dass es einen Punkt gibt, an dem das Kriterium der Fruchtbarkeit möglicherweise die Vernichtung des unfruchtbaren Gewächses verlangt. Solche Vernichtung hat Jesus im Gleichnis von der Verfluchung des Feigenbaumes in der Erzählung von Matthäus und Markus vorgenommen. Durch Lukas werden sie einsichtig.
Lukas erklärt und verbindet die Darstellungen von Matthäus und Markus. Zu ihnen bildet er wiederum eine Polarität, eine Polarität höherer Ordnung, welche die Polarität 1—2 zur Polarität I–II werden lässt (siehe Abb. Polarität und Trias). Während bei den ersten beiden Evangelisten die Bäume noch unmittelbar vernichtet werden, erhält der Feigenbaum des Lukas durch rechtes, „düngendes“ Verhalten eine Chance.