Die Erste Nahrungsordnung erlässt der Schöpfergott Elohim im Alten Testament selbst. Sie betrifft nur die Unterscheidung von Pflanzen. Darin wird alles „Grünzeug“ den Tieren zur Nahrung gegeben. Die Pflanzen, welche Samen tragen sollen hingegen den Menschen zur Nahrung dienen. Der sogenannte „samende Samen“ wird erstmals am dritten Schöpfungstag erwähnt. Der Archetyp der Drei ist es, der dann auch dem Menschen als Nahrung zugeordnet wird. Das Erheben über die profane Polarität ist das Kriterium der Fruchtbarkeit.
Erst die Sintflut-Erzählung in der auch die Gottheit das „Fleisch der Menschen“ vernichtet, zieht auch die göttliche Erlaubnis nach sich, dass die in der Arche erhobenen Menschen und deren Nachkommen das Fleisch von Tieren, die kein Blut mehr in sich haben, als Nahrung aufzunehmen dürfen:
„Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, und füllt die Erde. Und Furcht und Schrecken vor euch sei auf allen Tieren der Erde und auf allen Vögeln des Himmels. Mit allem, was sich auf dem Erdboden regt, mit allen Fischen des Meeres sind sie in eure Hände gegeben. Alles, was sich regt, was da lebt, soll euch zur Speise sein; wie das grüne Kraut gebe ich es euch alles. Nur Fleisch mit seiner Seele, seinem Blut, sollt ihr nicht essen“ (Gen 9,1-4).
Im Dritten Buch Mose (Lev 11,47) erfolgt dann eine Unterscheidung, die wiederum einschränkt und reine von unreinen Tieren unterscheidet. Die unreinen Tieren sind als Nahrung verboten. Das fünfte und letzte Buch der Tora wiederholt die Nahrungsordnung noch einmal aus dem Munde Mose (Dtn 14,4ff)).
Eine nochmalige und diesmal totale Wendung bezüglich der Speisegebote erfahren wir im Neuen Testament. Dort wird das Prinzip der „Einschränkung“ auf die vormaligen Speisegebote als Ganzes erweitert: Diesmal werden nicht einzelne Speisen negiert sondern die Speisgebote als Ganzes. Sie werden mehrfach völlig aufgehoben.
Das Neue Testament verweist darin auf den überholten, weil linearlogisch interpretierten Inhalt der Speisegesetze. Das macht deutlich, dass der Wert der Nahrungsordnung symbolischer Art ist und nicht weiter, wie einst im Judentum geschehen, substantiell interpretiert werden soll.
Petrus hat, wie die Apostelgeschichte berichtet, eine Vision über den Verzehr von Tieren:
„Und als er hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, geriet er in Verzückung und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen gen Himmel“ (Apg 10,10-16).
Die Unterscheidung von reinen und nicht reinen Tieren weitet die Apostelgeschichte auf die Unterscheidung von Juden und Nichtjuden aus:
„Da sagte er zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Nichtjuden zu verkehren oder sein Haus zu betreten; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf“ (Apg 10,28).
Das Neue Testament macht deutlich, das die Unterscheidung aufgrund von Inhalten anstatt aufgrund von Formen zu erfolgen hat. Das Innere und nicht das Äußere werden zu den Kriterien der Unterscheidung (Mk 7,1-23). Das Neue Testament führt dazu ein Geschehnis an, das auf die Unterscheidung aufmerksam macht, dessen Argumente aber zwiespältig bleiben. Als Pharisäer und Schriftgelehrte sehen, dass einige der Jünger mit ungewaschenen Händen essen, erwidert Jesu ihnen: „Seid auch ihr so unverständig? Begreift ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht verunreinigen kann? Denn es geht nicht in sein Herz hinein, sondern in den Bauch, und es geht heraus in den Abort. Er erklärte alle Speisen für rein“ (Mk 7,18f).
Noch älter als die vier uns überlieferten Evangelien sind die Berichte des Paulus. Schon er lehnt in völliger Eindeutigkeit die Nahrungsordnung des Alten Testaments ab. Paulus schreibt: „Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst und forscht nicht nach, damit ihr das Gewissen nicht beschwert“ (Kor 10,25 ???).
„So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank“ (Kol 2,16).
„Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten? Es sind Gebote und Lehren von Menschen“ (Kol 2,21).
„Dies sind nur äußerliche Satzungen über Speise und Trank, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung (Jesus) auferlegt sind“ (Hebr 9,10).
„Denn jedes Geschöpf Gottes ist gut und nichts verwerflich, wenn es mit Danksagung genommen wird“ (1 Tim 4,4)
„Speise aber macht uns nicht angenehm vor Gott; weder sind wir, wenn wir nicht essen, geringer, noch sind wir, wenn wir essen, besser“ (1 Kor 8,8).
Das Christentum hebt die Speisgebote auf und vollzieht darin den von allen Religionen in ihrem Kern geforderten Wechsel der Dimensionen. Das Neue Testament macht die einstige „Einschränkung“ zu einer Befreiung. Mit anderen Worten: Das Prinzip der Zwei wird gänzlich der Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit unterordnet.