Der über die Zahl Sieben sichtbar werdende und ins Extrem getriebene Widerspruch ist der ureigene Gegenstand von Religionen. Sie thematisieren den Gegensatz von Diesseits und Jenseits, von Gott und Mensch. Von ihm erzählt die Zahl Sieben, die in der Theologie des Judentums, Christentums und des Islam für die erste und eine Gottheit steht.²
Das Bewusstsein des Menschen ist in zwei Seins-Ebenen verankert, in der Ganzheit und Einheit (1) einerseits und in der Polarität und dem Widerspruch (2) andererseits. Die biblische Genesis konfrontiert dieses Bewusstsein mit der allbekannten Sieben-Tage-Ordnung. Sie ist die Grundlage, auf der sich das Bewusstsein immer weiter erhebt. Es beginnt mit der Realisierung der Existenz des maximalen Widerspruchs in Form von Rationalität und Irrationalität, von Berechenbarkeit und Zufall.
Die zwei sich widersprechenden und doch ergänzenden Bewusstseinsanteile des Menschen erfasst der Bibeltext in der Beschreibung des Augenblicks, in dem der Gegensatz von Mann und Frau augenscheinlich wird. Zuvor spricht der Text noch ausschließlich vom ungeschlechtlichen Wesen «Mensch», das er über den Begriff «Adam» erfasst und der zugleich «fruchtbarer Erdboden» bedeutet. Erst als die Gottheit aus diesem «Erdling Adam» heraus die Frau erschafft, wird aus dem einstigen Erdling das männliche Subjekt, das der Text nun mit dem gleichlautenden «Namen Adam» belegt.
Die Botschaft von der Erschaffung des Menschenpaares ist hochkomplex, fußt aber auf einem entscheidenden Prinzip: Die Frau (2) wurde im «Tiefschlaf des Erdlings» aus einer seiner zwei Seiten geformt. Das hebräische Wort für «Seite» (2) bedeutet zugleich «Rippe», was Eingang in die populären Übersetzungen gefunden hat. Der Akt der Geburt des Menschenpaares besteht also ausdrücklich im Erheben (!) der Zwei aus einem ungreifbaren Ganzen (1). Wohlgemerkt: Im Akt des Erhebens der Frau (2) entsteht auch der Mann in Form der zurückgebliebenen Hälfte.
Die Botschaft die die neu erschaute Zweiheit bereithält, findet man in dem Satz, in dem erstmals die Begriffe «Mann» und «Frau» auftauchen und der zugleich die maßgebenden Unterscheidungskriterien für das Bewusstsein erfasst. Der Satz verknüpft die Unterscheidungskriterien mit dem Begriff «Fleisch», der im Hebräischen zugleich «Botschaft» bedeutet!
«Und es sprach der Mensch: Diese ist dieses Mal Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch. Zu dieser soll gerufen werden Männin, denn vom Mann ist sie genommen.» (Gen 2:23)³
Mit dem Erschauen der Gegensätze, an dem der Erschauende selbst teil hat, erwachen die Subjekte und die Subjektivität der Menschen. Die Schauenden nehmen bewusst eine Ordnung war, aus der sie eine erste Orientierung ablesen können. Zunächst spricht der Mann, wie zuvor die Gottheit sprach, als sie die Archetypen der Schöpfung vorstellte. Mit anderen Worten: Der Mensch führt in der archetypischen Folge das fort, was die Gottheit begonnen hat. Im Sprechen definiert er sich als «Mann». Seine Worte aber sind auf die Existenz der «Frau» gerichtet! Die biblischen Bezeichnungen für «Mann» und «Frau» verraten die zwischen ihnen bestehende Beziehung, die mehr als nur eine Dimension in Augenschein nimmt. Sie erhellen das zuvor Gesagte über das Wesen der Etymologie:
Die hebräischen Wörter für «Mann» und «Frau», «iš» (vyai / 1-10-300) und «išša» (hV’ai / 1-300-5) klingen im Hebräischen auffallend ähnlich, haben aber keinerlei etymologische Beziehung. Der Gleichklang ist es, der ihre größtmögliche Nähe offensichtlich macht. Um das Wortspiel, das über die Formen hinausgeht, ins Deutsche zu übertragen, übersetzte Luther den hebräischen Begriff für «Frau» mit «Männin».
Die auf Identität hinweisende Ähnlichkeit in der Form findet man bereits im «Gesetz der Vier», das erstmals die Einheit (1) in der Vielheit (4) in Zeichen und Zahlen erfasst. In der Schöpfungserzählung wird sie sichtbar im Verhältnis von Schöpfer (1) und dem von ihm Geschöpften (4) und dessen Subjekten, den Geschöpfen (5). Was bereits der 6. Schöpfungstag mit der Schöpfung des Menschen «… im Bilde Gottes» sichtbar macht, das bekommt Gestalt in den Subjekten (5) Mann und Frau und entfaltet sich fortlaufend in deren Bewusstsein.
Die umfangreiche Botschaft dieses Satzes setzt das Wissen um Bedeutung der Wörter voraus, die mehrere Dimensionen übergreifen. Die Wörter sind «Gebein», «Fleisch» und «Frau». Die jeweils polar, also zweifach gebrauchten Begriffe werden durch ein im Hintergrund wirkendes Drittes zu einem Ganzen. Das Wirken dieses Dritten macht den hier erstmals zur Sprache kommende Menschen zur Sprache und zu echter Erkenntnis fähig. Deutlich wird das am Begriff «Gebein» ( M x o / 70-90-40), der den anderen zwei Begriffen «Fleisch» und «Frau» bewusst vorangestellt ist. Das Gebein eines lebendigen Wesens ist nicht unmittelbar sichtbar und doch trägt es und stabilisiert dessen äußere Form. Die im Außen sichtbaren Gegenpole werden durch die im Hintergrund wirkende und dem fleischlichen Auge verborgene Mächtigkeit zusammengehalten. In ihm sind sie ein noch undifferenziertes Ganzes. Die hebräische Sprache lässt keinen Zweifel an dem Zusammenhang. Die Wortwurzel für «Gebein» ist auch die für «mächtig» oder «gewaltig».⁴ Sie steht für eine Pluralität, die «zu groß ist, um sie zählen zu können». Das, was man mit Zahlen nicht erfassen kann, das bleibt im Numinosen.
In der Metapher vom «Wirken des Gebeins» verbirgt sich eigentliche Botschaft des entscheidenden Satzes von der Menschwerdung. Die Botschaft aber kann nur über das Äußere, das Fleisch empfangen werden. Deswegen bedeutet im Hebräischen «Fleisch» zugleich «Botschaft». Der Begriff erfasst zwei Dimensionen. Analog verhält es sich mit «Mann» und «Frau», die voneinander Getrennte sind, jedoch danach streben, ein Ganzes zu sein.
Im Wissen um die Mehrfachbedeutung der hebräischen Wörter kann man den so anspruchsvollen Satz der Menschwerdung von Mann und Frau zum besseren Verständnis in völlig freier Übersetzung beispielsweise folgendermaßen lesen:
«Und es sprach der zur wahren Schau nun fähige Mensch: Dieses Mal sehe ich in meinem Gegenüber das Potential meines Potentials und die Botschaft meiner Botschaft. Diese wahre Zwei (11) soll Eins (1) heißen, denn sie hat sich aus der Eins erhoben.»