Das Fleisch ist eine „gute Botschaft“. Das ist es, obwohl es „nur“ ein sekundäres ist, das einen tieferen eigentlichen Wesenskern umgibt. Dieser in einen Bruch aufscheinende Zusammenhang betrifft sowohl das Fleisch an sich, das schon seiner Natur nach sterblich ist, als auch das wiederum von ihm Abgetrennte, die Frau einerseits und das Verbleibende, der Mann anderseits, denn alles Fleisch zeugt von der Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit der Schöpfung. In diesem ganzheitlichen Sinn müssen alle biblischen Trennungsakte gesehen und gedeutet werden, auch wenn sie notwendigerweise zunächst das Unterscheiden in den Vordergrund stellen.
Durch den archetypischen Akt der Trennung (1—2) lebt die Triade, obwohl sie als Ganzes der Archetyp des Verbindens ist. Die in ihm ablaufenden Vorgänge werden mit der Erschaffung der lebendigen Wesen am 5. Schöpfungstag auf die Ebene des Bewusstseins gehoben. Das Hervortreten des ersten Bewusstseins ist noch als ein archetypisches zu verstehen. Mit der Erschaffung des Menschen am 6. Tag und schließlich der Erschaffung der Frau in Gen II erreicht es die Ebene des individuellen Bewusstseins. Damit wird der bewusste Trennungsakt zu einem Schlüsselakt für das rechte Verständnis der religiösen Texte. Der nach der Erschaffung der Frau fortlaufende biblische Mythos beschreibt in einer Flut von Bildern genau diesen göttlichen Fluss (3) der Bewusstseinsentwicklung.
Der in Gen I ersterwähnte Mensch ist zunächst der Archetyp Mensch, also das „Prinzip Mensch“. Er ist noch nicht, wie der Mensch im zweiten Schöpfungsbericht unterschieden in Mann und Frau. So heißt es auch: „…männlich und-weiblich schuf er sie“. Die in Gen I eingesetzte Polarität und randläufig als Ganzheit erwähnte „Geschlechtlichkeit“ ist noch keine zwischenmenschliche. Sie zielt vielmehr auf den derzeit hervortretenden Gegensatz zwischen Natur (4) und Mensch (5) im allgemeinen und Tieren und Mensch im besonderen. Im Gegensatz dazu wird in Gen II der Archetyp Mensch nun zum konkreten Menschen, einen Menschen, der mit seinem individuellen Bewusstsein konfrontiert wird und einen ihn charakterisierenden Namen hat. Aus Adam dem „Erdling“ wird der Mann mit dem Namen «Adam». Die Differenzierung entspricht dem Hervortreten der benannten (!) Zahl 1 aus der namenlosen Einheit (1). Die Zahl 1 repräsentiert zwar die Einheit, doch ist sie es ebenso wenig, wie die Musiknoten Musik sind.
Die Einheit umfasst alles. Sie ist das Ungeteilte. In dem Moment, in dem diese Einheit einen Namen erhält und mit einem Zeichen versehen wird, nämlich der Zahl 1, tritt eine Verdünnung ein – eine Unterscheidung, eine notwendige Trennung. Trotz der Trennung ist die Zahl 1 der Einheit so nahe wie kein anderes Zeichen.
Ähnliches geschieht mit den Menschen. Wenn das „Prinzip Mensch“ zum ganz konkreten Menschen wird, erfolgt das gleichfalls durch eine weitere Unterscheidung und Trennung. So wie aus der Einheit etwas herausgetrennt wird, damit die erste Zahl, die Zahl 1 entsteht, um die Einheit benennen und darstellen zu können, so wird aus dem Archetyp Menschen (Adam, dem „Erdling“) etwas herausgenommen, um ihn benennen und darstellen zu können. Beim Menschen ist es die Rippe (Gen II) oder nach anderer, plausiblerer Übersetzung „eine Seite“. Das nun neue Konkrete ist die Frau. Sie ist Frau durch ihren Rückbezug zum Archetyp Mensch, wie dieser seinerseits durch Rückbezug zum Erdboden „Adam der Erdling“ ist. Der Bezug der Frau ist vielfältig und mehrdimensional. Er reicht vor allem zurück auf den primären Ursprung, den vormals „ganzen“ Erdling. Desweitern schließt der Bezug die andere, „zurückbleibende Seite“, den Mann „iš“ (vyai) ein. So entsteht Identität. Der biblische Text vermittelt sie, indem er die Frau mit dem Begriff „išša“ (hV’a,,i) bezeichnet. Die beiden Begriffe klingen im Hebräischen auffallend ähnlich, obwohl sie etymologisch auf zweierlei Wurzeln zurückgehen. Um die dahinterstehende Botschaft zu transportieren, übersetzte Luther das Wort für Frau deshalb mit „Männin“. Ohne das Wissen um dessen Entstehung und ganzheitlichen Bezug wird das jedoch meist missverstanden.
„…zu-dieser/ es-soll-gerufen-werden /Männin/ denn /von-(einem)-Mann/es-ist-genommen-diese.“
Die gesamte Schöpfung ist von der Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit umfangen. Gleichwohl findet eine Trennung (2) statt. Die Entnahme ist ein Akt des Zweimachens (2). Wie uns die erste Schöpfungserzählung, die Aufzählung der Archetypen berichtet, bleibt der scheinbare Nachteil der Zwei, der durch das Fehlen der Huldigungsformel am 2. Schöpfungstag gekennzeichnet ist, nicht ohne weiteren Bezug stehen – im Gegenteil. Der erlösende Bezug ist der 6. Schöpfungstag. In ihm gipfelt der 2. Schöpfungstag. Die fehlende Huldigung des zweiten wird in der außerordentlichen Huldigung des sechsten nicht nur wettgemacht sondern gekrönt. Zahlensymbolisch ausgedrückt: Die Zwei strebt zur Sechs (s.a. 2à6).
Wie die Gottheit Elohim in der 1. Schöpfungserzählung die Archetypen durch stete Trennung vorstellt und in der Sechs gipfeln lässt, so stellt auch die Gottheit JHWH Elohim im 2. Schöpfungsbericht die Trennung in Mann und Frau über den Archetyp der Sechs vor. Der in Gen 2,21f beschriebene Akt der göttlichen Entnahme, in dem das Fleisch das erste Mal erwähnt wird, besteht aus 6 Vorgängen (Sätzen).
(1) Und es ließ fallen JHWH Elohim einen Tiefschlaf auf den Menschen.
(2) Und er schlief.
(3) Und er nahm EINS von seinen Rippen.
(4) Und er verschloss mit Fleisch an ihrer Stelle.
(5) Und es baute JHWH Elohim die Rippe, die er genommen hatte vom Menschen zur Frau.
(6) Und er brachte sie zu dem Menschen. ²
Die 6 Sätze der Schöpfung des Menschenpaares bestehen aus 22 hebräischen Wörtern, wie auch das hebräische Alphabet aus 22 Buchstaben besteht. Die Beschreibung der konkreten Welt über 22 Archetypen schlägt sich in den 22 Buchstaben der 6 Sätze nieder, mit denen die konkreten, aus Fleisch bestehenden Menschen hervorgebracht werden.
Der in der Sechs gipfelnde Vorgang von Trennung und Wiederzusammenfügen ist eine Entfaltung der Dreizahl (Triade). Gen I führt sie uns in ihrer Archetypenerzählung vor. In Gen II entfaltet sie sich weiter. Wie in Gen I verweist auch der Akt des Hervorbringens der Frau auf die Triade. Wir erkennen sie in den o.g. 6 Sätzen, wenn wir ihrem Wesen, dem Offenbaren der Einheit nachgehen. In 3 von 6 Sätzen, den Sätzen 3, 4 und 5 finden wir einen deutlichen Verweis auf die Einheit. Es sind:
Satz 3: das schon erwähnte Zahlwort „Eins“,
Satz 4: das Verschließen“ zu einer Ganzheit und
Satz 5: der hinweisende Artikel im „die-er-hat genommen“ (1–300-200-30-100-8).
Dass die Hinweise auf die Trias gerade in diesen drei Sätzen zu finden sind, begründet sich anschaulich in der Geometrie. Das pythagoreische Dreieck der Seitenlängen 3, 4 und 5 veranschaulicht, wie aus dem einfachen gleichseitigen Dreieck das neue, rechtwinklige Dreieck hervorgeht, das vom Zusammenwirken von Geist (3), Substanz (4) und Bewusstsein (5) berichtet. Diese Trias bringt die völlig neue Dimension, die Fläche der Größe 6 hervor. Sie steht u.a. für die nun durch Mann und Frau erscheinende Sexualität.
Der 3. Satz bezieht sich – wie die Dreizahl an sich – auf den Geist (3). Indem er auf die „Eins“ und Einheit gerichtet ist, beschreibt er den Inhalt des archetypischen bzw. des rechten Geistes.
Der 4. Satz bezieht sich auf das Polare (2) und damit auf das archetypisch Unterschiedene, unterstellt dabei das Fehlende durch das „Verschließen“ der Wunde jedoch der Ansicht des Ganzen und berichtet damit im Grunde vom Gesetz der Vierzahl.
Der 5. Satz zeugt (3) von der Existenz eines Bewusstseins, von dem das Verweisen ausgeht. Das beschreibt der hinweisende Artikel „die“ (1-300-200), dessen Zahlenfolge 300-200 auch im Fleisch wirkt (s.o.). Die Zahlenfolge erscheint in diesem 5. Satz zum 14. Mal.
Die 6 Sätze der Erschaffung der Frau enthält eine dreifache Verweisfunktion. Sie betrifft die Sätze 3, 4 und 5. Das ist insofern von Bedeutung, da es sich um gerade die Archetypen handelt, welche über das Bild des pythagoreischen Dreiecks mit den Seitenlängen 3, 4 und 5 das Bewusstsein (5) mit dem Geist (3) und der Substanz (4) in Beziehung setzt und das Bewusstsein konstituiert.
Während das allgemeine, gleichseitige Dreieck noch ganz allgemein von der Trennung und Verbindung der Gegensätze berichtet, beschreibt das pythagoreische Dreieck den Vorgang im Speziellen, nämlich in der Polarität von Geist (3) und Materie (4). Im Fleisch wird der Vorgang Realität. Im Fleisch wird die Qualität des fruchtbaren Verbindens zur lebendigen Substanz. Fleisch ist wie das Bewusstsein Geist und Substanz zugleich.