Kurz und ohne Umschweife: Es geht um das Zahlengeheimnis der weiblichen Zahlen 2, 4 und 6 und ihr dynamisches Verhältnis zueinander. Es geht um die Entfaltung der Zweizahl und Polarität zur Sechszahl, der Zahl, welche die höchste Zahl in der von der Polarität (2) geprägten, konkreten Welt (4) ist. Sechs ist die Gangart der Evolution. Ihrem Wesen kann sich niemand entziehen, auch und vor allem nicht der Bischoff von Rom. Die Sechs bringt die Welt durch die ihr eigene Fruchtbarkeit voran und sie erzwingt jegliches Opfer. Sixtus II. unterwirft sich ihm und legt seine Tiara (Papstkrone und Würdezeichen) ab (s. li unten).
Das Wirk- und Erhaltungsprinzip der Sechs erwächst aus der Polarität. Ohne das Wissen um das wahre Wesen der Zweizahl und deren Verhältnisse wird auch das Wirkprinzip der Sechs fehlgedeutet und bleibt schicksalhaft. Deshalb schließt die biblische Genesis gleich zu Anfang diese Lücke und erfasst die so wichtige Beziehung in der Gegenüberstellung der Schöpfungstage 2 und 6.
Der 2te Schöpfungstag ist scheinbar fehlerhaft. Ihm fehlt die den übrigen Schöpfungstaten eigene Huldigungsformel „Und Gott schaute – es war gut.“ Doch wird das „Ver-FEHLEN“ des zweiten Tages am 6ten Tag mehr als ausgeglichen, denn Letzterer wird mit der sogenannten erweiterten Huldigungsformel versehen. Sie besteht im Hebräischen aus zwei Sätzen bzw. aus sechs Wörtern: „Und Gott schaute alles an, was er gemacht hatte. Und schau – es war SEHR gut“.
Die das Leben erschaffende und das Leben erhaltende Spannung zwischen der Zwei und der Sechs ist die Botschaft der sixtinischen Madonna. Ihre Basis bildet die Zweiheit der Putten am unteren Bildrand. Wie dem zweiten Tag noch die Huldigungsformel fehlt, so fehlt ihnen noch die erst später eintretende Reife. Aus ihrer Existenz aber erwächst die Sechs, die ihrerseits zum Wirk- und Erhaltungsprinzip der Evolution wird.
Das Muster der Sechs ist das Muster der Sixtina. Das Gemälde enthält deshalb nicht zufällig genau 6 Subjekte. Die gesamte Bildkonstellation zeichnet ein Hexagramm. Einem Betrachter fällt jedoch zunächst die Kreuzform der Anordnung ihrer Figuren ins Auge. Der Archetyp der Vierzahl symbolisiert die Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit aller Erscheinungen. Aus ihm erwachsen die Religionen und in der Gottesmutter Maria bekommt er seine menschliche Gestalt. Maria alias die Vier adeln die Zwei und ihre Gegensätze (siehe Formel 1-4) und Maria ist es auch, die dem Gemälde seinen Namen gibt.
Maria erfüllt die Bildmitte. Sie vermittelt die weiblichen Wesenheiten Zwei und Sechs (2-4-6), das scheinbar Unvollkommene (2) mit dem Vollkommenen (6) und darin auch das Männliche (1) mit dem Weiblichen (2). Jener Gegensatz wird in der horizontalen und somit „weltlichen Achse“ über Sixtus II. und die heilige Barbara verkörpert. Er schaut nach oben, sie nach unten. Barbara hat einen Erdenbezug, Sixtus II. hingegen einen Himmelsbezug.
Trotz ihrer unterschiedlichen Blickrichtung eint sie ein Drittes. Beides sind heilige Figuren. Das Heilige und Ganze führt sie in ihren unterschiedlichen Blickrichtungen zusammen. Über ihren Gegensatz entwickelt sich jedoch die vertikale, die „himmlische Achse“ und mit ihr eine neue Dimension. Getragen wird sie vom Fortschreiten der Polarität. Den zwei Putten am unteren Rand stehen oben Maria mit dem Kind gegenüber. Beide verkörpern je eine Zweizahl, die in sich und zueinander eine Hierarchie und mit ihr eine Dynamik zur Anschauung bringen. Die so dynamisierte Zwei bringt die Sechs und den ihr zugehörigen heiligen Sechsstern (Hexagramm) hervor (s. Abb.: 2).

Abb. 2 (li) Die Kreuz- und Sechseckstruktur des Gemäldes
(Mitte) Die wolkenartigen, zahllosen Engelsköpfe als Hintergrund
(re) Der fragwürdige 6te Finger an der rechten Hand von Sixtus II.
Die Botschaft ist brisant, denn die neue und höhere Dimension des Göttlichen kann nur durch den enormen Gegensatz zwischen Sixtus II. und der heiligen Barbara entstehen, der größer nicht sein könnte. Die heilige Barbara ist tief in der Linearität des Konkreten und ihrer Substanzen verankert. Die ihr allgemein zugeschriebenen Attribute sind das Buch, die Fackel oder auch die Kanone, alles Werkzeuge der praktischen Durchsetzungskraft. Der zur Madonna aufschauende Sixtus II. hingegen orientiert sich am Ideal, dessen Kern die Archetypen sind.
Deren Kern wiederum besteht, wie es die Genesis erzählt, in der Vereinigung von Gegensätzen durch das Wesen der Sechs. Sixtus II., genannt „Xystus“ (grch. „der Geglättete“, lat. „der Sechste“) war nicht nur der Name dieses Bischoffs von Rom. Der Name entsprach ganz und gar seiner Haltung. So erfahren wir in „Stadlers Vollständigem Heiligenlexikon“, dass Sixtus II. die Leiber der zwei hl. Apostel Petrus und Paulus, in deren Nachfolge er stand, in Sicherheit brachte. Auch beendete er den Ketzer-Taufstreit, den Streit seines Vorgängers Stephan mit den afrikanischen und östlichen Gemeinden über die Taufe von reuigen Häretikern. Sixtus II. war vom 30. August 257 bis zum 6. August 258, also 11 Monate und 6 Tage Bischof von Rom. Am Ende starb er – hingerichtet von Kaiser Valerian – als Martyrer, weil er sich widersetzte, den Abgöttern, namentlich dem Mars zu opfern.
Die Bischöfe von Rom erhielten später den Titel des Papstes. Sixtus II. war insofern der erste Papst, der den gleichen Namen wie ein früherer führte. Auch das ist ein Ausdruck der Sechs und der Zwei in seinem Namen.