In der Geometrie erfahren wir das Prinzip der Wahrhaftigkeit in der Anschauung der Symmetrie. Sie fasziniert, weil in ihr die Einheit und Gleichheit ins Auge springt. Das Lebendige findet über sie einen Weg zum Empfinden von Harmonie, nach der es letztlich immer strebt. Der Geometer findet die unmittelbare Harmonie vorwiegend in den allseitig symmetrischen Figuren. In ihnen dem sie in der Vielzahl ihrer möglichen Ansichten immer ein und das gleiche Wesen zur Anschauung bringen, verkörpern sie sichtbar das Prinzip der Einheit in der Unterschiedenheit. Auch die Abbildung 4 bedient sich der Symmetrie aus dem gleichen Grunde. Seine Kernaussage gipfelt im Gleichheits- oder Wahrhaftigkeitskreis.
Das menschliche Bewusstsein (5) wird aber nicht nur mit Symmetrien konfrontiert. Es muss den Geist der Einheit auch in der Konfrontation mit den zahlreichen und teils hochgradigen Asymmetrien bewahren, denen es vor allem in dem wesenhaften Gegensatz von Geist und Substanz begegnet. Wie das gelingt und welche Gesetze dabei wirken, davon erzählen die pythagoreischen Dreiecke. Sie übersteigen die Symmetrie der gleichseitigen Dreiecke und konfrontieren den Betrachter bei seiner Suche nach den Gesetzen der Wahrhaftigkeit mit der Asymmetrie. Obwohl die Gesetze ihm beim Anblick des pythagoreischen Dreiecks nicht unmittelbar ins Auge fallen, kann er sie in ihm dennoch erkennen und ihre Prinzipien extrahieren. Sie erfüllen die Funktion eines Verbindungsgliedes zwischen Ordnung und Chaos, denn weiß er doch aus der Ur-Botschaft der Zwei, dass alles Dasein in letzter Konsequenz ein wahrhaftiges ist, auch wenn er es selten unmittelbar als solches erkennt.

Abb. 3 Die beiden pythagoreischen Dreiecke sind asymmetrische Figuren. Das sie den Einheitskreis (r = 1) bzw. den Wahrhaftigkeitskreis (r = 2) umgeben, erweitern sie deren o.g. inhaltlichen Aussagen auch auf die asymmetrisch erscheinende Welt.
Das pythagoreische Dreieck der Seitenlängen 3-4-5 enthält als Kern den Einheitskreis, hat eine asymmetrische Form und enthält zudem die fortlaufenden Zahlen 3, 4, 5 und 6, die für den Geist (3), die Substanz (4), das diese verbindende Bewusstsein (5) sowie die Zahl 6 enthält. Letztere ist das Symbol für die Erfüllung der Polaritäten. Die im Einheitskreis enthaltene und umfasste Polarität (2) erfüllt sich über die Größen 3, 4 und 5 in der neuen Fläche der Größe Sechs/Sex. Das besondere pythagoreische Dreieck vermittelt über die Dimensionen der sechs fortlaufenden Zahlen hinweg die Allgegenwart der Einheit und Ganzheit. Sein Äußeres (Umfang) erzählt davon, denn es bringt über die Zahl 12 die Einheit der Archetypen Eins und Zwei in einem Ganzen zur Erscheinung. Die 12 verrät, dass die Einheit (1) von Unterschiedenem (2) durch die Hierarchie seiner Teile zustande kommt. Sie macht die Addition von scheinbar Ungleichem möglich. Das macht sie zur Zahl der Ordnung. Im Kontext der Herkunft des pythagoreischen Dreiecks der Seitenlängen 3, 4 und 5 erweitert sie die Botschaft der o.g. “wahrhaftigen Figuren” auf die Einheit von Ungleichem. Der Einschluss der Fünfzahl, alias des schauenden Bewusstseins (5) macht die allseits existierende Ordnung nun auch geometrisch anschaulich. Mit diesem pythagoreischen Dreieck wird deutlich, dass die harmonische Ordnung nicht nur in der Symmetrie sondern auch in den Asymmetrie vorhanden ist.
Das besondere Dreieck wirft vor allem ein besonderes Licht auf die Konstitution des Bewusstseins, dessen archetypisches Symbol die Fünfzahl ist. In ihm wird deutlich, dass es sich aus der rechten Verbindung von Geist (3) und Substanz (4) konstituiert. Was unter der rechten Verbindung zu verstehen ist, das hat uns bereits das Wesen der Polarität und ihr Ausdruck in der Vierzahl und dem Quadrat verraten. Nun geht es darum, dieses Gesetz im Bewusstsein ankommen zu lassen und (bewusst) umzusetzen. All die Informationen darüber erhalten wir aus dem pythagoreischen Dreieck der Seitenlängen 3, 4 und 5, das über seinen Umfang „nach Außen“ alias „an seiner sichtbaren Oberfläche“ Ordnung (12) repräsentiert. Dabei handelt es sich um eine Ordnung, in der das Bewusstsein seinen ihm zustehenden Platz findet.
Das pythagoreische Dreieck 3-4-5 ist das erste seiner Art, analog dem Einheitskreis und seiner Entwicklung. Nachdem es uns die grundsätzlichen Beziehungen zur Herausbildung des Bewusstseins gleichnishaft aufzeichnet, kann man es analog der Entwicklung zunehmender Kreisradien ebenso fortentwickeln und die sich weiterhin ergebenden Aspekte des Bewusstseins in Augenschein nehmen. Zu diesem Zwecke bietet sich das pythagoreische Dreieck an, dass den Wahrhaftigkeitskreis (r = 2) umschließt. Es hat die Seitenlängen 5, 12 und 13 und zeigt wie dieser die Gleichheit von Innen und Außen (A = U). Der Wert 30 berichtet von dem hier sichtbar werdenden Geistprinzip (3), das in seiner höheren Dimension (30) erscheint. Worin diese besteht, das erfahren wir über seine Seitenlängen 5, 12 und 13, welche diese bilden. Das Bewusstsein (5) nimmt in diesem zweiten Dreieck die Position ein, die im ersten Dreieck noch der allgemeine, verbindende Geist (3) innehatte. Es verbindet von dort aus nun die Zahl der Ordnung (12) mit der Zahl zu einem Ganzen, welche die Ordnung scheinbar übersteigt, die 13. Das so dargestellte Bewusstsein (5) verfügt nun über die außerordentliche Fähigkeit aus, auch die Dinge zu einen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Das ist die Kernaussage des PPYTHAGORAS:
„Das Gleichnis dessen, der die höchste Vernunft besitzt, ist und kann nur die Fähigkeit sein, die Beziehungen zu erkennen, die auch Dinge einen, die scheinbar keinerlei Verbindungen zueinander haben“ (PYTHAGORAS von Samos).

Abb. 4 Der Geist der Einheit und seine Entfaltung in den Archetypen