Das Prinzip von Fraktalen kennen die Menschen, seit sie über sich selbst und die Struktur der Welt nachdenkt. Der Anblick von Farnen und die Herstellung der bekannten russischen „Matruschka“, ineinander verschachtelter Puppen sind bekannte Beispiele aus der Natur und der Kunst (Abb. 2). Das Phänomen der Selbstähnlichkeit ist alt, der Begriff Fraktal hingegen modern. Er wurde 1975 von BENOIT MANDELBROT geprägt.

Abb. 2 Natürliche Farne und die Kunst der Matruschka bilden fraktale Strukturen ab.
Die Teile des Ganzen haben das Erscheinungsbild des Ganzen.
Künstliche durch iterative Prozesse erzeugte fraktale Bilder sind in der Regel sehr komplex und beeindruckend. Seine Parallelen in der Natur hingegen übersieht man leicht. In der derzeitigen Naturwissenschaft spricht man durch das Auftauchen der sogenannten fraktalen Geometrie von einer Revolution in der Sicht der Dinge. Ihr Begründer BENOIT MANDELBROT deckte Schwächen der bis dahin bewährten EUKLIDschen Geometrie auf. Das verlieh der neuen, fraktalen Geometrie eine enorme Bedeutung.
Im Licht einer archetypischen Ordnung sind die Schwächen der alten Geometrie jedoch von den Mathematikern selbstverursacht. Die gesamte Naturwissenschaft hatte im Laufe der Zeit die alte euklidische Geometrie immer mehr ausschließlich unter dem quantifizierenden, also dem rechnenden Aspekt gesehen. Sie übersahen schließlich ihren tiefen, sinngebenden und gleichnishaften Charakter und damit ihre wahre Bedeutung. Man vergaß, dass ein geometrisches Gebilde von Werten erzählt. Der Widerspruch zwischen der Natur und der vertrauten Geometrie wurde so immer größer. Das Instrumentarium, das die Natur durchschaubar machen sollte, wurde stumpf. In der Natur findet man eben nicht die idealen Elemente dieser Geometrie, wie dies z.B. der Kreis, die gerade Linie oder das Rechteck sind. Vielmehr besteht die reale Wirklichkeit aus einer Vielzahl von Abwandlungen dieser Idealformen. Die Idealform ist im strengen Sinn überhaupt nicht zu finden.
Um die Natur immer genauer beschreiben zu können, hat man sich der formenreicheren, fraktalen Geometrie zugewendet. Man bemerkte, dass die Beschreibung der Natur eine Sprache braucht, die komplexer ist. Man glaubte jedoch, dass diese jenseits der Sprache der klassischen Geometrie zu finden ist, die sich ja „nur“ der idealen Elemente wie Kreis, gerade Linie usw. bedient. Bestärkt sah man sich dadurch, dass die neue, durch Computer möglich gewordene, fraktale Geometrie – die auf Algorithmen anstatt auf Idealen beruht – Gebilde berechenbar und sichtbar machte, die eine Selbstähnlichkeit aufwiesen. Und gerade dieses Prinzip der Selbstähnlichkeit, das man nun künstlich auf dem Bildschirm erzeugen konnte, war ein überall in der Natur auftauchendes Phänomen, also ein anerkannter Baustein des Natürlichen.
Die entscheidenden, 1980 entstandenen Bilder, der neuen, experimentellen Mathematik wurden bekannt unter den Namen „Mandelbrotmenge“ oder „Apfelmännchen“. Das Apfelmännchen ist nach Aussage der Mathematiker, das komplizierteste Objekt, das die Mathematik je gesehen hat. Doch man übersieht, dass es ebenso einfach ist, denn es ist eindeutig im umfassenden Wortsinn! Bei einer noch so großen Vergrößerung entstehen immer wieder neue Bilder, die dennoch immer wieder zum Ausgangsbild zurückführen. Im kleinsten Detail taucht unentwegt das Original des Anfangs auf. Die fraktale Geometrie führt einerseits über einfache Algorithmen zu einer ungeheuren Vielfalt und andererseits führt sie unentwegt zum Einfachen des Anfangs zurück, den sie auf ständig neue Weise offenbart.