Das von PLATON im 1. Buch seiner Politeia (343c/d) vorgebrachte Beispiel, warum ein Gerechter um den Faktor 729 glücklicher sei als ein Tyrann, befremdet verständlicherweise den unvorbereiteten Leser. Wie kann man etwas so Fließendes wie das Glück mit einer konkreten, unveränderlichen Zahl in Verbindung bringen? In einem gesonderten Aufsatz über die Glückseligkeit habe ich die dahinterstehende Logik beschrieben. Wenn einem unvorbereiteten Leser, dem die Verbindung bizarr erscheinen muss, sodann die Definition von Glück des ARISTOTELES vorgestellt wird, klafft eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen beiden auf.
PLATON geht es um das Grundsätzliche und Archetypische. In der dem konkreten Leben entsprechenden Kristallisationsform ist es das Wahre, Schöne und Gute. Wegen seiner größtmöglichen Nähe zum Absoluten hat das auch die größtmögliche Wirkung im Leben und deshalb für den Menschen auch höchste Priorität. Die für den Menschen daraus entstehende wichtigste, zu erfüllende Bedingung ist die Gerechtigkeit. Sie muss des Guten wegen nach PLATON immer erfüllt werden. Die darin liegende Konsequenz vollzieht SOKRATES indem er der Gerechtigkeit willen sogar den Schierlingsbecher leert und sein Leben gibt.
Indem PLATON am Verhalten des SOKRATES das Grundsätzliche als das Grundsätzliche demonstriert, tritt natürlich auch seine dingliche Verfangenheit hervor, die er nicht weiter thematisiert. PLATON geht über das einmal definierte Gerechtsein, weil es einen so hohen Wert besitzt, nicht hinaus. Darin eröffnet sich ein Problem, denn wer im ganz Konkreten um jeden Preis „NUR“ gerecht sein will, der erfüllt die in der Triade liegende Weisheit nicht mehr und verfängt sich stattdessen in der Linearität. Den notwendig offenbleibenden Fragen wendet sich später ARISTOTELES zu.
Nach der üblichen Lesart der Schriften reicht es PLATON, gerecht zu sein. Es reicht ihm, selbst wenn es sich nicht gut anfühlt, denn nach ihm darf es nicht der Zweck sein, sich gut fühlen zu wollen. Hier schreitet ARISTOTELES differenzierend ein und stellt der linearen Sichtweise eine andere gegenüber, in der die Lust und das gute Leben mitgewichtet werden. Die lineare Auslegung der Platonischen Sicht, dass moralisches Handeln immer das Glück sichert, entbehrt der Realität des Lebens. ARISTOTELES geht vom praktischen Leben aus und hat im Sinne PLATONs auch gute Gründe für seine Sicht. So ist für ihn das höchste Gut des Menschen die Glückseligkeit (eudaimonia). Sie ist das Endziel des Handelns. Sie ist es deshalb, weil sie nicht wie andere nur Mittel zum Zweck sind, sondern für sich selbst steht, also sich selbst genügt. Wir erstreben sie ihrer selbst willen. (1097b20)
ARISTOTELES hat eine größere Nähe zur Erlebniswirklichkeit des Menschen. Er beschreibt mit großer Überzeugung eine reale Wirklichkeit, bei der ein Mensch, welcher die Gerechtigkeit immer unmittelbar und uneingeschränkt lebt, sich häufig und schnell in eine unglückliche Situation bringt und sogar sein Leben gefährdet. Was hier zwischen PLATON und ARISTOTELES so unüberbrückbar erscheint, hat dennoch eine gemeinsame Basis. Von der aus erarbeiten sie ihre relativen, zueinander abgestuften Wahrheiten, welche im Rückblick die gemeinsame, archetypische Ordnung erkennen lassen. Das in ihr als wahr Erkannte folgt, da es wahr ist, dem Gesetz der Vierheit – dem Additionsgesetz. Die Platonischen und Aristotelischen Wahrheiten ergänzen sich daher. Die Ausführungen des Schülers wirken naturgemäß wirklichkeitsnäher, haben aber ohne die Grundlagen des Lehrers keinen Bestand.
ARISTOTELES wertet das Gute und die Gerechtigkeit nicht ab. Auch schwächt er sie nicht, will aber auch das „Andere“, die Lust (Hedonae) in einer größeren Einheit eingeschlossen wissen. Die Gerechtigkeit erweist sich in der Tugend. Sie bildet mit dem Glück eine unauflösbare Einheit. Für ARISTOTELES ist glückselig, wer die von Natur aus in ihm liegenden Talente und die Tugenden innerhalb der Gemeinschaft entfaltet.
Auf dieser Grundlage entwickelt ARISTOTELES im 10. Buch seiner Nikomachische Ethik eine telelogische Ethik, in der er den Bedingungen des Lebens Rechnung trägt. Sein Ziel ist das gute Leben, das über einen Ausgleich der Gewichte von Tugend und Lust erreicht wird.
ARISTOTELES stellt dem philosophischen Angebot PLATONs ein anderes und weitergehendes entgegen. Das steht aber ebenso wie das PLATONs in der allgegenwärtigen Gefahr, linear interpretiert zu werden und darin unterzugehen. ARISTOTELES geht es zum Erreichen eines guten Lebens um eine Dynamik, welche den Ausgleich zwischen Extremen bewirkt. Konkret bedeutet das, die richtige Mitte zwischen Übermaß und Mangel zu finden. Wie sehr man diese Begriffe im linearen und damit falschen Sinn deuten kann, liegt auf der Hand und wurde von ARISTOTELES selbst kritisch bemerkt. Die später entstandene und ausufernde, sogenannte Mesotes-Lehre (mesotes = richtige Mitte) gibt Aufschluss darüber.
Um die positiv zu verstehende Weiterentwicklung durch AARISTOTELES recht zu deuten und der Gefahr ihrer linearen Fehldeutung zu entgehen, muss man sie unter der Perspektive der Triade betrachten. Die von ARISTOTELES beschriebenen drei Weisen des Glücks geben dazu Gelegenheit:
ARISTOTELES ordnet das Glück dem Archetyp der Dreizahl und somit der Bewegung zu. Für ihn ist Glück eine „Tätigkeit“ (energia), in der das vollendet wird, was in uns bereits angelegt ist und seiner Natur (4) nach die Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit beinhaltet (1).
ARISTOTELES kennt drei voneinander abgestufte Weisen von Glück:
(A) Die erste Weise des Glücks besteht in der Ausrichtung des Lebens an Lust und Vergnügen.
(B) Die zweite betrifft das Leben eines verantwortungsbewussten Bürgers, der in Ausübung seiner Freiheit sich und die Gesellschaft entfaltet.
(C) Im Besitz der dritten und höchsten Weise des Glücks aber ist nur der Philosoph, der sich über das Leben selbst Klarheit verschafft.ᵛⁱⁱ
Das Glück ist nach ARISTOTELES stets ein Zusammenwirken der drei Weisen, bei der der Einzelne immer eine von ihnen zur dominanten Weise erhebt.
Hinter der Aristotelischen Definition menschlichen Glücks steht vor allem das wertende Subjekt (5). Noch grundsätzlicher ist die Wirkung der Triade. Sie ordnet und bewirkt nicht nur das Glück sondern das Subjekt selbst. Ihre innewohnende Hierarchie drückt sich im geometrischen Gleichnis des pythagoreischen Dreiecks aus. Es macht deutlich, in welcher ganzheitlichen Beziehung die Wahrheiten PLATONs zu der seines Schülers ARISTOTELES stehen.