Die vom Bewusstsein der Menschen reflektierte Hierarchie des Daseins hat Folgen. Sie lenkt den Blick auch auf die Hierarchien unter den Gottheiten, zu denen in der biblischen Genesis der Schöpfergott ELOHIM, JHWH ELOHIM und schließlich der mit dem Menschensohn KAIN hervortretende JHWH, der «Gott der Subjekte» gehören.
JHWH ist der Gott der Brüdererzählung. Er geht aus JHWH ELOHIM hervor, dem Gott der Differenzierung. Unter letzterem geschieht der sogenannte Sündenfall, welcher die unterschiedlichen Dimensionen im Dasein von Natur, Tier und Mensch sichtbar macht. Die Wesen verfolgen unterschiedliche Ziele und setzen doch immer die Gesetze der Archetypen entsprechend ihres Archetyps um. Das gilt generell und somit auch für die drei Gottheiten. Ihre Unterscheidung erfolgt durch die Unterscheidung ihrer Bezeichnungen. Die wiederum erzählen von deren Hierarchie und deren Auswirkungen auf das Bewusstsein der Menschen.
Der Schöpfergott ELOHIM ist die erstgenannte Gottheit. Der für sie gebrauchte Begriff ist nicht zufällig das dritte Wort des biblischen Prologs. Das Wesen des Archetyps Drei ist das Grundwesen aller Strukturen und als solches durchdringt es alle nachfolgenden Strukturen. Die Bibel macht das spätestens an der Struktur der Sieben-Tage-Erzählung sichtbar, die dem biblischen Prolog folgt und in der ELOHIM systematisch die Folge der Archetypen in Schöpfungsbildern vorstellt. Die insgesamt 6 Schöpfungstage bestehen aus zweimal drei Tagen, die ein Spiegelverhältnis zueinander haben. Der siebte Tag, ist der «Tag der Gottheit». Der erhebt sich wiederum als ein Drittes und verbindet die zwei Dreiheiten. Nimmt man die sechs Schöpfungstage als die Tage der Dynamik war, so bildet der siebte Tag ihren Gegenpol, der sodann ein Ruhetag ist. Obwohl die Gottheit aus der Sicht der Menschen ruht, ist dieser Tag aus der Perspektive einer höheren Dimension wiederum ein Tag der Funktion. Um die Gottheit beschreiben zu können, muss man einen anderen, neuen und höherdimensionalen Blick auf sie werfen, die fortan mit den Namen JHWH ELOHIM bezeichnet wird.
Nach der Sieben-Tage-Erzählung beginnt mit Gen 2,1 die Erzählung der ersten Geschlechterfolge (Toledot). Die erste Toledot wird oft als eine zweite Schöpfungserzählung bezeichnet, weil sie noch einmal und auf neue Weise von den Akten der Schöpfung erzählt. Dieses Mal erzählt sie alles aus der Perspektive der Subjekte (5). Im Mittelpunkt der Erzählung steht nun der Mensch selbst.
Sucht man im Textverlauf der Genesis nach dem Bruch und Neubeginn, findet man ihn im vierten Vers des Kapitels Zwei (Gen 2,4). In dem Vers tritt erstmals die zweite Gottheit auf, die nun auch mit den zwei Wörtern «JHWH ELOHIM» bezeichnet wird. Die hier sogleich beginnende 1. Toledot ist umfangreich. Zu ihr gehören nicht nur die auf neue Weise wiederholte Erzählung von der Schöpfung der Menschen, der Tiere und des Erdbodens. Auch der sogenannte Sündenfall mit dem Wirken der Schlange im «Garten Eden» werden der neuen, «zweiten» Gottheit zugeordnet. Im sogenannten «Garten der Wonne» bringt die Gottheit JHWH ELOHIM alle Geschöpfe hervor, auch die verhängnisvoll wirkende Schlange. Dennoch beruft die sich in ihrem Gespräch mit der Frau auf die Schöpfergottheit ELOHIM (Gen 3,1). Die Sprache der Schlange lässt darin erkennen, dass sie ein «rückbezogenes» Wesen ist. Diese Eigenschaft aber ist zwiespältig. Einerseits erfüllt sie darin das «Gesetz der Vier», welches ein Gesetz des Rückbezuges aller Existenzen (4) zur Einheit und Ganzheit (1) ist. Andererseits wird die so argumentierende Schlange der göttlichen Herausforderung des menschlichen Bewusstseins nicht gerecht. Das Ziel der inzwischen agierenden Gottheit JHWH ELOHIM ist es, den Archetyp der 5 zu manifestieren, der das Gesetz der Vier auf die Subjekte erweitert.
Die Schlange hingegen ruft den Namen der Schöpfergottheit erneut auf. Das ist nicht falsch, doch aber unzureichend. Die Spannung der zwei Gottesnamen verlangt nach einer verbindenden dritten Gottheit. Das ist der Gott JHWH. Der betritt die biblische Bühne mit der Geburt KAINs und beherrscht sodann als «Gott der Subjekte» die Erzählung von der ersten Interaktion der von Menschen gezeugten Menschen. Kurzum, JHWH ist die entscheidende Gottheit in der Erzählung vom Brudermord KAINs an ABEL.
Während die erste Schöpfungserzählung, wie auch der Prolog nur die Gottheit ELOHIM kennt, benennt die ihnen folgende 1. Toledot nun gleich alle drei Gottheiten, ELOHIM, JHWH ELOHIM und JHWH. Die erste Toledot setzt damit in archetypischer und ganzheitlicher Weise die göttliche Drei-Einheit ins Bild. Einmal ins Bild gesetzt wird ihre Botschaft sodann von SET, dem dritten Sohn der Menschen weitergetragen.
Der Blick aus den Archetypen heraus macht deutlich, dass auch die biblischen Gottheiten differenzierte Gottheiten sind und ihrem jeweiligen Wesen entsprechend unterschiedlich wirken. Immer aber verbinden sie das von ihnen Unterschiedene wieder zu einem neuen Ganzen. ELOHIM differenziert erst einmal die Archetypen voneinander.² JHWH ELOHIM macht den Sündenfall möglich, setzt «Feindschaft» zwischen Tier und Mensch und vertreibt die Menschen aus dem Garten der Wonne. Hinter allem wirkt das «Gesetz der Vier», das keinen endgültigen Bruch mit der Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit zulässt, vielmehr immer wieder Fruchtbarkeit und Fülle hervorbringt.
Der biblische Startpunkt des menschlichen Daseins ist das sogenannte Paradies. Der aufmerksame Leser der Texte wird entdecken, dass sein wesentliches Merkmal die Zahl Vier ist. Sie prägt alles. Selbst der im Paradies durch das Wirken der Schlange aufscheinende Bruch wird von der Vier beherrscht, was seine spätere Heilung wiederum garantiert. Die Schlange erwähnt, wie vorab beschrieben, zwar den Namen der Schöpfergottheit ELOHIM anstatt JHWH ELOHIM, doch erwähnt sie ELOHIM zugleich viermal. Das fünfte Mal wird der Schöpfergott in der ersten Toledot bewusst und hochbedeutungsvoll nicht von der Schlange, sondern von EVA, der Frau genannt, als diese ihren dritten Sohn gebärt (Gen 4,1). Es ist ELOHIM, der den von KAIN erschlagenen ABEL durch SET ersetzt! Das verwundert zunächst. Doch tritt gerade darin das tiefe Wesen der Schöpfergottheit hervor. ELOHIM wirkt durch die Archetypen und die halten ihrem Wesen nach Geist und Substanz zusammen! Mit anderen Worten: Wenn ELOHIM den erschlagenen ABEL durch SET ersetzt, wirkt im anderen, neuen Subjekt, dem SET der wahre Geist der Einheit fort.
ABEL war ein Dritter.³ SET, sein «Ersatz» ist ein Vierter (siehe Abb. 1). Sein Sohn heißt ENOSCH, was «Mensch» bedeutet. ENOSCH verkörpert den Archetyp der Fünf. Jener neue Mensch erhebt sich nun bewusst (5) über die Vier, denn er hat die Fähigkeit erworben, mit seinen naturbedingten (4) Unzulänglichkeiten umgehen und sie auf rechte Weise einsetzen zu können.
Kurzum: Der Übergang von KAIN zu SET und ENOSCH beschreibt einen Dimensionswechsel im Hinblick auf das Prinzip des Erhebens, wie es das Dreieck in der Zahl Drei und die Pyramide in der Zahl anschaulich machen. In beiden Dimensionen (Fläche vs. Raum) entsteht jeweils wiederum eine neue Dimension im Dasein.

Abb. 2 Die Drei erhebt sich auf archetypische Weise über die Ebene der Polarität (1—2).
Die Fünf bildet das Wesen des Erhebens in der höheren Raumdimension ab.
Die KAIN-ABEL-Erzählung ist in einer ersten Betrachtung aus der profanen Perspektive einfach eine Tragödie. Ihre Unerträglichkeit eskaliert weiter, sobald wenn man reflektiert, dass sie auch noch vom Gott JHWH selbst ausgelöst wurde. Der so konfrontierte menschliche Verstand kann das Geschehen nur einholen, wenn er die menschliche Dimension von der göttlichen unterscheidet und das hinter ihnen wirkende Wesen der Drei als Grundstruktur erkennt. Wer hier wirkt ist JHWH und der betritt mit der Geburt KAINs die biblische Welt. JHWH macht aus dem «Gesetz der Vier »(1+2→4) das «Gesetz der Subjekte» (5+5→10). JHWH setzt der herkömmlichen Vorstellung von der Zwei, dem Zwist und dem Tod ein Ende. Die neue Vorstellung mit ihrem neuen Gesetz erhebt sich aus dem alten Gesetz. Das «Gesetz der Vier» darf der Mensch nicht vergessen. Deshalb endet die Tragödie von KAIN und ABEL mit einer für viele Leser eigenartig erscheinenden Handlung JHWHs. Die Gottheit setzt dem KAIN ein Zeichen auf seine Stirn und vertreibt ihn vom fruchtbaren Erdboden (1-4-40) nach «Osten» (100-4-40) hin⁴, wo er eine Stadt baut, der er den Namen seines Sohnes HENOCH gibt. HENOCH ist nach der nun geltenden zweiten Geschlechterliste (Toledot) ein Fünfter. Die Erzählung ist eine schwer zu verstehende aber doch vollständige Erzählung! Nach ihr beginnt die heilige Schrift die Entwicklung der Menschen von vorn zu erzählen. Ihr Ur-Samen ist nun der von ELOHIM neu hinzugefügte dritte Sohn SET. Als Dritter verbindet er das Handeln JHWHs mit dem archetypischen Wirken ELOHIMs.
Das die Gegensätze Verbindende erwächst aus dem gewandelten und nun rechten Blick auf den Archetyp der Zwei. Der aber ist schon Gegenstand des biblischen Prologs, obwohl er von den Lesern dort zumeist unbemerkt bleibt. Der letzte und zugleich vierte Satz des Prologs führt zum «Geist» der Gottheit ELOHIM.
Der Prolog besteht aus vier Sätzen analog dem Gesetz der Gesetze, dem «Gesetz der Vier». Wie der Prolog in abstrakten Worten den Geist der Gottheit entwickelt, so entfaltet der sich sodann in der KAIN-ABEL-Erzählung über das Gesetz der Subjekte (10 = 5+5) weiter zur Gottheit JHWH. Mit JWHW wird die Schöpfung nun noch einmal neu erzählt. Jetzt kann der Leser den hohen Anspruch der «zwiespältigen Zwei» nicht mehr übersehen. Die neue Erzählung ergreift den Leser emotional.
Die Urheber der Bibeltexte haben die Handlungen der Gottheit ELOHIM mit den Handlungen JHWHs verbunden und über deren gemeinsame Zahlenstruktur sichtbar gemacht. Das zeigt die Struktur des ersten Bibelsatzes, der aus 4 Sätzen und 19 Wörtern besteht (Gen 1f)! Die gleiche Struktur hat auch der erste Satz vom Neubeginn des menschlichen Daseins durch die Geburt des SET (Gen 4,25). Auch der besteht aus 4 Sätzen und 19 Wörtern:
[d;YEw: | ~d’a‘ | dA[ | ATv.ai-ta, | | dl,Tew: | !Be |
Und-es-erkannte | Adam | wieder | **_Frau-seine. | Und-sie-gebar | Sohn. |
6-10-4-70 | 1-4-40 | 70-6-4 | 1-400_1-300-400-6 | 6-400-30-4 | 2-50 |
(1) | (2) | (3) | (4) | (5) | (6) |
ar’q.Tiw: | Amv.-ta, | tve |
Und-sie-rief | **_Namen-seinen | Set. |
6-400-100-200-1 | 1-400_300-40-6 | 300-400 |
(7) | (8) | (9) |
| | | | |
yKi | yli-tv‘ | ~yhil{a/ | [r;z< | rxea; | tx;T; | lb,h, | yKi | Agr’h] | !yIq‘ |
Denn | es-hat-gesetzt_für-mich | Elohim | Samen | anderen | an-Stelle | Abel, | denn | es-hat-erschlagen-ihn | Kain. |
20-10 | 300-400_30-10 | 1-30-5-10-40 | 7-200-70 | 1-8-200 | 400-8-400 | 5-2-30 | 20-10 | 5-200-3-6 | 100-10-50. |
(10) | (11) | (12) | (13) | (14) | (15) | (16) | (17) | (18) | (19) |
Dem Leser fällt die Unterscheidung der zwei Anfänge selten auf und doch muss man sie kennen, um die Struktur der Schöpfung und seiner Schöpfer zu verstehen. Ihr Kern liegt im Wesen der Zahl Fünf. Sie ist sowohl das Zentrum des Schöpfergottes ELOHIM (1-30—5—10-40) als auch das inhaltliche Zentrum des Namens JHWH (10-5-6-5 alias 10 = 5+5). Die Verfasser der Texte haben das zentrale Wesen der Fünf in der Gegenüberstellung der ersten mit zweiten Geschlechterliste (Toledot) sichtbar gemacht. Es ist die «Sohnschaft», welche die vorausgehende Mängelsicht auf die Schöpfung aufhebt. Die Geschlechterlisten benennen sie insbesondere in Form der Söhne HENOCH und ENOSCH, die beide auf ihre Art Fünfte sind. Die Zwei beschreiben auf unterschiedliche Weise das Erheben der Fünf, das Erheben des Bewusstseins über die Ebene der Natur (siehe Abb. 1).