Das bekannteste deutsche Märchen ist wohl das von Hänsel und Gretel von den Gebrüdern Grimm. Ich darf voraussetzen, dass der Leser es kennt. Es ist auch das Märchen, dass ausdrücklich von einer Hexe erzählt. Das Wesen einer Hexe ist eindrucksvoll und jedem bekannt und doch kommt die Hexe nicht in sehr vielen Märchen vor. Vielmehr erzählen die Märchen von diesem Archetyp in seinen Verdünnungen, beispielsweise in der Gestalt einer Stiefmutter, einem Dämon, einer bösen Fee oder Ähnlichem.
Das Märchen «Hänsel und Gretel» ist deshalb so eindrucksvoll und bekannt, weil es die Urbeziehung aller Beziehungen, die Beziehung der Zwei und des Zwistes zur Eins und der Einheit und Vollkommenheit in einfachen Bildern in den Blick nimmt. Es geht um die Einordnung des Anderen und Zweiten, des scheinbar Negativen, Nachrangigen und Regressiven (2) in die alles umfassende Ordnung (12) der Dinge. Seine Eigenschaften sind das Dunkle, das Gespaltene und Unberechenbare, das von Enge erzählt und deshalb oft Angst macht. Der Zwist und Zwiespalt mündet jedoch immer in den Archetyp der Sechs, weshalb der Tief- und zugleich Höhepunkt des Märchens das Wirken der Sechs ist, also das Wirken der Hexe (siehe Symbolik 2➜6). Die Sechs, die «Hexa» nimmt in der «Hexe» Gestalt an. In der Dynamik der Erzählung markiert sie den Wendepunkt der erzählten Abwärtsbewegung zur Aufwärtsbewegung aus der am Ende eine Daseinsdimension erwächst, die alles bis dahin Denkbare auf positive Weise in den Schatten stellt.
Im Wissen um den stets anwesenden Archetyp der Zwei (zwei Kinder), des Dunklen (Wald) und des Spaltenden (Holzhacker) enthält schon der erste Satz des Märchens alle notwendigen Informationen: «Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern.» Um die durch Hunger verursachten, bedrohlichen Umstände faktisch zu schildern, würde es reichen, die so wörtlich genannte Sorge damit zu begründen, dass die Vier «nicht genügend zu beißen» hatten. Die Gebrüder Grimm ergänzen diesen zweiten Satz jedoch mit einem Verb, das den Archetyp der Zwei in seiner Dynamik ins Bild setzt, um die es eigentlich geht und die zur «Hexa» führt: Die Vier hatten auch «wenig zu brechen». Nur der Vater hebt sich hier schon am Anfang hervor. Als «Holzhacker» spaltet und bricht er das Holz, damit es dem Leben dienen kann und in der Stube gemütlich warm wird. Auch Hänsel packt den Stier bei den Hörnern und wendet sich dem Kleinen und scheinbar wenig Bedeutenden zu. Er sammelt Kieselsteine, die im Mondlicht, dem Licht der Dunkelheit hell zu leuchten beginnen. «Sie zeigten ihnen den Weg». Doch er, der Ausgestoßene bewahrt die Urbeziehung 1—2 und wendet sich stets zurück zur Einheit und Ganzheit. Er «guckte immer wieder nach dem Haus zurück». Sein Rückbezug, seine «Religio» gab ihm das Vermögen, seine Schwester, die hier noch die Zwei in ihrer Haltlosigkeit repräsentiert, zu orientieren: «Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen». Im heutigen Sprachgebrauch würde man sagen, dass Hänsels Rückbezug (1←2) ihn resilient machte und ihn die Kraft finden lässt, Fehlversuche nicht nur hinnehmen zu können, sondern auch weiter noch positiv zu handeln. So soll den Zwei beim zweiten Versuch ausgerechnet das «Gebrochene», das schon knapp bemessene Brot den Weg zeigen.
Die für Hänsel und Gretel unüberschaubare Kaskade von Brüchen lassen aber auch diesen Versuch scheitern, weil andere, kleine Lebewesen Futter suchen und es in ihren Brotkrumen finden. Fressen die Vögel sie hier noch weg, so erhält das Geschehen am «dritten Tag» eine Dynamik (3). Wieder ist es ein Vogel, ein «weißer» und «wegweisender», der die «Zwei» alias die «Verzweifelten» zum Knusperhäuschen führt. Am dritten Tag wird die Zwei zur Sechs. Die Zwei kommen zur Hexe. Als ihr trügerischer Schein nachlässt, scheint sie – wiederum zunächst – alle zu bedrohen, denn sie frisst Menschenfleisch, zumindest das von Kindern, deren Bewusstsein sich noch nicht vollends entfaltet hat. Aber auch hier ist es wieder das Kleine, Weibliche und scheinbar Benachteiligte, das die entscheidende Wendung bringt, denn Gretel ist es, die die Hexe in den Ofen stößt, in dem sie eigentlich braten sollte. Es ist das Verhalten der Gretel, des Mädchens, die den Dimensionssprung von der Zwei zur Drei herbeiführt, den Weg aus dem «Hexenwald» ermöglicht und ihn auch gestaltet. Die fehlende «Brücke» (3) über den See nach Hause ist für sie kein Hindernis (2) mehr. Gretel sieht die weiße Ente. Sie weiß das Kleine mit den kurzen und wackelnden Beinen zu schätzen, zu pflegen und zu nutzen. Doch greift Gretel hier nicht (mehr) unmittelbar auf die Einheit zu, sondern bedient sich des Einzelnen (1—1). Nach ihrem Willen bringt die kleine Ente die zwei Kinder einzeln über den See, da sie beide zu schwer für das Tier wären.
Als die Zwei glauben konnten und sogar wussten, das alles wieder gut würde, fügen die Gebrüder Grimm plötzlich hinzu, dass es noch «ein Weilchen» dauerte. Mit anderen Worten: Das kleine Bisschen muss unbedingt zum großen Ganzen hinzutreten, um dessen Pracht und Vollkommenheit erscheinen zu lasen. Mit jedem Weilchen «kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus». Kurzum: Das scheinbar Böse verschwindet.
Das Märchen «Hänsel und Gretel» ist seiner grundlegenden Symbolik nach gewissermaßen ein «erstes» und doch ist es zugleich ein «anderes». Märchen enden zumeist mit der Formel «Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute». Das hebt sie aus der Zeitlichkeit heraus und verweist auf ihre archetypische Symbolkraft. Das gilt auch für «Hänsel und Gretel». Da das aber die Grundsätzlichkeit von Brüchen im Leben der Menschen ins Bild setzt und deren Notwendigkeit für eine Höherentwicklung aufzeigt, endet das Märchen mit einem zusätzlichen und zunächst unverständlichen Bruch in der Erzählung, der sich erst in der Rückschau auf die vorangegangenen Botschaften erhellt:
«Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große Pelzkappe daraus machen.»