Die 4te Toledot kennt die sprachliche Verneinung nicht. Sie gleicht darin der Sieben-Tage-Erzählung, die ebenfalls keine Verneinung enthält.⁴ Die Erzählung des Anfangs kennt aber sehr wohl das scheinbare Fehlen und Verfehlen, das zum Entstehen immer neuer Archetypen führt. Man denke hier beispielsweise an die fehlende Huldigungsformel des 2ten Schöpfungstages, den fehlenden göttliche Segen für die Landtiere am 6ten Schöpfungstag u.v.a.m. Das scheinbare Fehlen und Verfehlen kommt einer schwachen Verneinung gleich, welche existiert, aber in ihrer Existenz schließlich ein Mehr manifestiert. Zum Beispiel erzählt der vierte Schöpfungstag von der „Zweiheit der großen Lichter, dem großen … UND dem kleinen …“, welche die Ordnung (12) der Dinge sichtbar macht (Gen 1:16f).
Die 4te Toledot entfaltet das Prinzip des scheinbar aber doch fruchtbaren Fehlens im Hinblick auf die Sprache der Sprachen, die Sprache der Zahlen. Obwohl die Sprache prinzipiell zweierlei macht, zählt und erzählt, manifestiert die 4te Toledot das Fehlen in einer neuen Dimension, in der offenbar nur noch erzählt wird. Im Gegensatz zur 2ten und 6ten Toledot verzichtet sie auf Zahlen, wie Lebensalter oder Zeugungsalter. Wohl aber erzählt sie von Qualitäten wie „dem Ersten (Eins)“, „dem Erstgeborenen“, „dem Kleinen“ und „dem Großen“, dem „Teilen“ und vom Prinzip „Ordnung“.
Die 4te Toledot ist die „Toledot der Söhne NOAHs“. Die unmittelbaren Söhne NOAHs sind drei und das NOAH-Prinzip ist das Prinzip des Erhebens, das ebenfalls in der sich über die Linearität (1—2) erhebenden Drei anschaulich wird. Die Wirkung der Drei findet ihre Manifestation in den Nachfolgegeschlechtern der drei Söhne, die als ein neues Ganzes unter dem Archetyp der Vier zu betrachten sind. Das Wesensmerkmal der Vier ist der Einbezug des scheinbar (Ver)Fehlenden, der Zwei in einer neu erscheinenden Ganzheit. Eine der Erscheinungsformen ist das Prinzip des Bruches und der Umkehr. So werden die Nachfolgegenerationen NOAHs und seiner Söhne nicht nach ihrer natürlichen Geburtenfolge aufgezählt, sondern in umgekehrter Folge. Das Geschlecht des erstgeborenen SEM erscheint an ihrem Ende. Mit SEM legt sich das Wesen des Ersten und das der Eins und Einheit über die ansonsten ausufernde Vielheit der 4ten Toledot.
Die durch den erhobenen NOAH ins Bild gesetzte Zahl Drei erhält in der 4ten Toledot eine neue und höhere Dimension in welcher die Zahl 12, die Zahl der Ordnung und die Zahl 13, welche diese gewohnte Ordnung als ein Anderes und Zweites übersteigt, ein besonderes Gewicht. Tatsächlich werden die Zahlen aber nicht unmittelbar genannt. Wir begegnen ihnen nur mit dem besonderen Wissen über die Vier und die in ihr fruchtbar werdende Zwei. So tragen die jeweils Zweiten einer Folge die Zahl 13 als Faktor in ihrem Namen. Das sind:
ASSUR (1-300-6-200 / S 507 = 39 x 13) der zweite Sohn des SEM
SCHELACH (300-30-8 / S 338 = 26 x 13) die zweite Nachfolgegeneration des SEM
und JOKTAN (10-100-9-50 / S 169 = 132) der zweite Sohn des EBER
Die vierte semitische Generation ist die des EBER. Der Text verweist auf seine besondere Bedeutung: „Auch SEM, dem Vater aller Söhne EBERs, dem größeren Bruder JAFETs wurde geboren …“ (Gen 10:21). Der Vierte wird in seinem expliziten Bezug zum Ersten, dem Stammvater SEM hervorgehoben. Jener Vierte hat zwei Söhne. Der erste ist der an 12. Stelle genannte PELEG und der zweite ist der an 13. Stelle genannte JOKTAN („der Kleine“). Der 12. und der 13. stehen sich analog von Ordnung (12) und ihrem Bruch (13) gegenüber. PELEG steht einerseits für die Zahl 12 und somit für die Ordnung. Die Ordnung aber schließt die Zwei, das Fehlende und Spaltende ein, weshalb der Text berichtet: „ … denn in seinen Tagen wurde das Land geteilt (Gen 10:25). Zudem fehlt im Gegensatz zu JOKTAN, dem 13ten hier die Aufzählung seiner Nachkommenschaft.
In JOKTAN verbirgt sich die Zahl 13 nicht nur in seinem Namen (s.o.). Er hat explizit auch 13 Söhne. Der Zweite und „Kleine“ sprengt nicht einfach nur die bekannte Ordnung. Er erweitert sie. Doch wird das erst bei genauerem Hinsehen sichtbar. So trägt beispielsweise sein 12. Sohn den Namen HAWILA. Der Name spielt bei der Konstitution und der Beschreibung der Ordnungsstrukturen im Garten Eden eine wichtige Rolle. HAWILA ist das Land (4), das vom ersten von insgesamt vier Flüssen im Garten Eden umflossen wird und somit als ein Land der vollkommenen Ordnung beschrieben wird (Gen 10:29).
Die 4te Toledot setzt das fruchtbare Prinzip der Verneinung ein, um das vorangehende NOAH-Prinzip und die in ihm wirkende Funktionszahl Drei in einer größeren Dimension und in einem alles umfassenden Spektrum darzustellen. Sie erklärt das Dasein unter dem Gesichtspunkt eines grundsätzlichen Erhobenseins. Die so in Erscheinung tretende höherdimensionale Drei ist die 30. Sie ist der Zahlenwert des Lamed ( l ), des 12. hebräischen Buchstabens mit der Bedeutung eines Ochsenstachels. Der Ochsenstachel ist kein Folterinstrument, sondern ein aus einer höheren Dimension eingesetztes Instrument, um die noch unbewussten Erd- und Ackerkräfte zu lenken. Der Ausgangspunkt der Lenkungsfunktion ist die Existenz zweier Bewusstseinsebenen. Aus ihnen erst geht die 30 hervor (2→30). Die Zahlenfolge 2-30 ist die, welche den Begriff „Windhauch“ und den Namen ABEL bildet – KAINs „verneinten Bruder“.
Eine geometrische Ergänzung:
Will man die zwei Perspektiven der Verneinung, der weichen (2-30) und der harten (30-1) unter dem geometrischen Gesichtspunkt des Dreiecks zusammenfassen, so ergibt sich die Abb. 30. Die sogenannte „Führungszahl“ 30 erwächst aus der einfachen von der Polarität beherrschten Substanz (s. 1—2) und ihrer Ordnung (12). Aus ihrer beschränkten, linearen Sicht kommt der Ordnung und insbesondere der Dreizahl keine erhabene Stellung zu. Solche Sicht führt zum Zahlenstrahl 1-2-3…etc. In Wirklichkeit ist die Funktion (3) eine erhabene und erstellt eine Ordnung höherer Art. Die rechte Zahlenzuordnung im Dreieck wäre unter den Kriterien 1-2-30… wie sie die Abbildung 30 darstellt. Sie bildet den Hintergrund der NOAH-Erzählung. Die Arche hatte eine Höhe von 30 Ellen (Gen 6:15) und zudem ein nach oben gerichtetes Fenster.⁵ Die Führungszahl 30 entsteht aus der notwendigen, weichen Verneinung („Nein, aber…“). Aus ihr aber kommt es zur Rückwirkung in die konkrete Ebene der Polaritäten. Mir ihr geht die harte Verneinung (30-1) einher, denn sie ist der Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit verpflichtet.

Abb. 30 Die traidische Struktur verlangt zwischen der profanen, linearen (1-2-3) Ordnung und der triadischen (1-2-30) zu unterscheiden. Die triadische Ordnung erklärt das Zusammenwirken von schwacher und starker Verneinung.
In der Bibel kommen sehr viele Zahlenkombinationen vor, nicht aber die lineare Folge 1-2-3, denn die täuscht über die wahre Funktion (3) des Seins und Daseins hinweg. In ihre Stelle tritt die häufige Zahlenfolge 1-2-30, welche zum triadischen Denken zwingt. Ihre Bedeutung ist „Gewissheit“ oder auch „Trauer“. Obwohl die beiden Bedeutungen mit sehr unterschiedlichen Emotionen verbunden sind, erzwingen sie einen Ebenenwechsel.