Die ersten zwei Sätze
[ Was bedeutet Zwei? Die Polarität (2) und ihre Herausforderung ]
1. Nichtigkeit der Nichtigkeiten sprach Kohelet.
Nichtigkeit der Nichtigkeiten – all das ist NICHTIGKEIT.
2. Was ist der Gewinn für den Menschen in all seiner Mühe,
zu der er sich müht unter der Sonne?
Die der Überschrift folgenden zwei ersten Sätze sprechen von der unwiderruflichen, grundsätzlichen Polarität der Welt. Der erste Satz steht seiner archetypischen Stellung nach für die göttliche Einheit und Vollkommenheit. Aus schon vorher genannten Gründen stellt er die im konkreten Leben niemals wirklich greifbare und stets numinos bleibende und doch stets vorhandene Einheit in Form der Negation vor. Die „Nichtigkeit“ ist es, welche die Polarität zur Einheit erstellt. In dem die Zwei aufscheint scheint zugleich das Wichtigere, die Einheit der Polaritäten auf. Die vierfache (22= 4) Nennung der Nichtigkeit, die in eine „Einheit von Nichtigkeit“ mündet, zeichnet das Grundgesetz der Welt, die „Formel der Vier“ nach. Sie ist die Basis aller weiteren Aussagen. Der erste Satz stellt die Formel auf eine Weise vor, welche die Eins und Einheit nicht benennt, aber doch zugleich eindeutig über ihr Gegenteil, die Nichtigkeit veranschaulicht.
Der zweite Satz steht seinem Archetyp nach für das eigentliche Dilemma, für die Polarität und Zwiespältigkeit der Existenz. Mit der Zwei entstehen der Zwist und das Fragen. Es ist das Fragen nach dem Fehlenden, das allem Existierenden notwendigerweise anhaftet. Die Zwei ist gegenüber der Einheit und Vollkommenheit (1) etwas Reduziertes. Sie ist aber zu der ihr vorangehenden Eins auch und zugleich ein Mehr. Das dies so ist oder uns so erscheint, das zeigt der mit der Zwei beginnende Zahlenstrahl (1 2 3 4 … etc.) in seiner Linearität. Unter dem Bild der Linearität und seinem stetigen Mehr (Gewinn) beurteilen wir die Welt und unsere Existenz.
Der zweite Satz wirft das erlebende Subjekt in die Ungewissheit. Er bietet aber – noch unbemerkt – auch die Lösung des Problems. Sie verbirgt sich in dreifacher Weise.
– Zum ersten wird der Begriff des Gewinns gebraucht, der auch die Bedeutung von Vorzug oder Vorteil hat. Seine Bedeutung verweist auf das rechte Verstehen der Zwei in dem er auf deren Aufgabe hinweist. Sie besteht im „Vorziehen“, im Vorziehen der ihr „vorangehenden Eins“. Die Eins, alias Einheit zu offenbaren, ist ihre Aufgabe, denn aus ihr erwächst das mit der Zwei beginnende jeweils Andere stets aufs Neue. Aus jener ersten Beziehung erwächst der Gewinn.
– Zum zweiten führt der zweite Satz zudem aus, wie diese erste aller Beziehungen anschaulich wird. Sie manifestiert sich auf rechte Weise über die Vier und das durch sie verkörperte Gesetz. Das zugehörige, geometrische Gleichnis findet sich der Form des Quadrats (4 = 22). In ihm wird anschaulich, wie sich die Polarität (2) auf sich selbst bezieht und wirkt. Die Polarität der Polarität führt zur Einheit. Der zweite Satz versucht diese Wirkung durch die eigenartig wirkende Dublette „ sich der Mühe bemühen“ sprachlich einzufangen und das Prinzip des Selbstbezuges (Quadrieren) zu demonstrieren.
– Zum dritten führt der zweite Satz, der die Polarität wirksam vorstellt, am Ende doch wieder die Einheit und Ganzheit des Lebens vor Augen. Er stellt den mächtig erscheinenden Zwiespalt unter das noch mächtigere Symbol der Sonne. Was sich „unter der Sonne“ befindet ist nicht nur, wie es manchmal erscheint, durch sie gefangen. Vielmehr entstammt es ihr und es verwirklicht sie in Gänze. Die Sonne gewährleistet trotz der stets wirkenden Polarität die Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit.
Die vier Sätze über die Natur [ Die allumfassenden Gesetze der Natur (4) ]
1. Eine Generation geht, eine Generation kommt
– ABER die Erde besteht ewig.
2. Und die Sonne geht auf und die Sonne geht unter
– ABER sie strebt unentwegt zu ihrem Ort an dem sie aufgeht!
3. Wehend nach Süden und sich kreisend-drehend nach Norden
– ABER sich kreisend-drehend, sich kreisend-drehend weht der Wind!
Und auf seinen Kreisen kehrt der Wind stets zurück.
4. All die Bäche laufen hin zum Meer – ABER das Meer ist nicht voll.
Zu dem Ort hin, zu welchem die Bäche laufen, laufen sie stets wechselnd-kehrend.
Nachdem die ersten beiden Sätze die Polarität in ihrer Grundsätzlichkeit vorstellen, wird sie nun in den nächsten 4 Aussagen konkret ausgeführt. Die uns hier begegnende Vierheit entspricht der vorangehenden Polarität, nur wird sie jetzt in Form der Naturgesetze entfaltet.
Auch diese Entfaltung erfolgt entlang der bekannten Archetypen. Auf vier verschiedene Weisen bringen sie die Einheit von Ganzheit (1) und Bruch (2) zur Anschauung. Immer wird eine primäre Qualität benannt, der stets ein „aber“ folgt. Das über das „aber“ hinzugefügte Andere und scheinbar Gegensätzliche erweist sich sodann – wie auch die primäre Qualität – als ein Ausdruck ein und der gleichen Einheit:
– (1) Den wechselnden Generationen wird das Beständige der Erde gegenübergestellt.
Die Generationen verhalten sich wie die Nichtigkeit (2) zum Ganzen (1)
– (2) Die wechselnde Sonne folgt dem einen, immer gleichen Motiv.
Auch das Größte, die Sonne (1) schließt Wechsel und Nichtigkeit (2) ein.
Das kann sie, denn sie hat immer das gleiche Motiv.
– (3) Der drehenden Bewegung des Windes ist immer auch die Treue eingeschrieben.
Dessen dreifach genannte „kreisend-drehende“ Funktion (3) umschreibt eine
Nichtigkeit (2), die im Dienst des Ursprungs (1) steht.
– (4) Den zum Meer laufenden Bächen steht das ruhende Meer gegenüber,
mit dem sie eine Einheit bilden.
Die vierte Aussage geht über die vorangehenden drei hinaus. Sie beschränkt sich nicht mehr nur auf die Benennung der Einheit der Gegensätze. Sie macht im Bild des Meeres eine bis dahin nicht bekannte oder bemerkte Qualität sichtbar, welche die linearlogische Perspektive überwindet. Die Tatsache, dass ein Meer nicht überläuft, zeigt, dass es trotz seiner gewaltigen und Furcht einflößenden Existenz seinem Grunde nach nicht bedrohlich ist, ja sogar das Leben hervorbringt und es erhält. Die Aussage geht aber noch ein Stück weiter und begründet dieses Neue, das wie ein Wunder erscheint, nicht im Meer selbst sondern schon in den kleinen Bächen, die es hervorbringen. Gegenüber dem Meer sind sie nahezu nichtig. Aber ihre Bewegungen zeichnen das Bild des Mäanders und der wiederum ist maßgebend verantwortlich für das im Meer erscheinende Wunder. Der Mäander offenbart den rechten Umgang mit der Zwei, denn an ihm wird Sinn und Wirkung des ihn zweiseitig (2) Begrenzenden (2) deutlich.
Das Begrenzende ist der Archetyp der Zwei, der mitunter unvollkommen und mangelhaft erscheint. In Wirklichkeit aber dient er der Orientierung Richtung Einheit. Der Mäander eines Flusses kehrt unentwegt um, aber sein ihn prägendes Ziel wirkt in ihm unaufhörlich fort. Das „Nichtige“ erfüllt die Ganzheit. Die Ganzheit kann ihrerseits nie „überfüllt“ sein. Wäre sie es, dann wäre sie nicht die Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit (1). Wohl aber schließt sie alles, auch und vor allem die Nichtigkeit ein.
Die Sprachform des Infinitivs
Das „(Ver)Fehlende“ und „nichtig Erscheinende“ (2) konstituiert alle Naturen. Im Archetyp der Vier aber wird das Fehlende als ein Bestandteil des Vollkommenen sichtbar (s. vierte Säule). In der Vierzahl fällt der Schleier der Gegensätze. In ihr erkennt man das dahinter stehende, allgemeine Gesetz – das „Gesetz der Vier“. Es ist eine Universalie. Es wirkt immer und in allem. Jene Unaufhörlichkeit drückt der Kohelet bei der Beschreibung der Natur durch einen zunächst eigenartig wirkenden Sprachduktus aus: Er benutzt in der Beschreibung der Natur unentwegt den Infinitiv. Der Infinitiv beschreibt einen nichtendenden, ewigen Vorgang („infinitum“). Zum allerersten Mal setzt ihn der biblische Autor just am 4. Schöpfungstag ein, dem Tag, an dem die Natur in ihrer ewig bestehenden Ordnung beschrieben wird. Am vierten Tag werden die „zwei Lichter“ (Sonne + Mond) hervorgebracht, „um zu scheiden zwischen Tag und Nacht …“. In ihrem Zusammenwirken konstituieren sie die Einheit, das Ganze, den 24-Std.-Tag.