Die Zahl war vor dem Buchstaben. Und der Gebrauch von Zahlen entwickelte sich vor der Schrift. Der Kern der Kulturentwicklung liegt in den Zahlen. Bei- spielhaft ersehen wir das an den Megalithkulturen. Diese besaßen die Fähigkeit komplizierte astronomische Berechnungen durchzuführen, aber eben noch keine Schrift!
Die Logik der Schrift basiert auf der Logik der Mathematik und diese auf der Logik der Zahlenelemente. An deren Anfang und Ende wiederum steht, wie wir inzwischen wissen, der Durchgriff der Eins, der die Vielheit zusammenhält und regiert.
Die Schrift ist die menschliche Fähigkeit, die Einheit von Dingen durch einfachste Elemente ins Bild zu setzen und damit zu kommunizieren. Mit Hilfe der Einheit – hier ,Einzelheiten‘ in Form der einfachste Buchstaben – wird Einheit offenbart. Ein Buchstabe, ein Satz und ein Aufsatz sind solche Einheiten in wachsender Größe. Die vollkommenste Ausformung erhält diese Einheit aber dann, wenn sie in allen ihren Dimensionen, Inhalt wie Form, diese Einheit zum Ausdruck bringt. Das ist beispielsweise bei einem Gedicht der Fall. Während ein gewöhnlicher Brief auch überaus Unangenehmes vermitteln kann, ist ein Gedicht von vornherein der Einheit geweiht, was der Leser weiß und an ihm besonders schätzt. Selbst ein trauriges Gedicht ist am Ende schön, wie wir mitunter sagen, schaurig schön. Das Versmaß und andere Stilmittel sind nur die Ausdrucksformen des immer Gleichen – der Ganzheit, des Wahren, Schönen, Guten, wie es Platon nennt.
Die höchste Kunst wäre es, wenn der Schreiber diese Ganzheit in wirklich allen Ebenen zum Ausdruck bringen würde. Dabei müsste schon jeder einzelne Buchstabe bereits die Ordnung erkennbar machen. Die so aus ihnen entstehenden Worte müssten sodann, der gleichen Ordnung und Hierarchie folgend, so aneinander gereiht sein, dass ihre Abfolge die noch immer sehr verborgene Einheit weiter entfaltet. Schließlich würde aus streng geordneten Buchstaben, Wörter, Sätze, eine ganze Geschichte, ein Kapitel, ein Buch und ein ganzer Kanon von Büchern entstehen. Das wäre dann wirklich eine die Einheit sichtbar machende, vollkommene, ganze und Heil offenbarende Schrift – eine heilige Schrift. Sie liegt uns vor, und sie zu entschlüsseln ist wegen ihres Umfangs ein Lebenswerk. Wir werfen hier einen Blick auf die ersten drei Buchstaben:
Um die Ordnung der Zahlen in Buchstaben umzusetzen, müssen beide ihrem Inhalt, d.h. ihrer Qualität nach einander streng zugeordnet werden. Das ist in der biblisch-hebräischen Sprache der Fall. In ihr gibt es, keine gesonderten Zahlzeichen. Buchstaben und Zahlen sind identisch. Das Alef entspricht der Eins, das Beth der Zwei usw. Alle Buchstaben gelten als Schöpfungskräfte Gottes, haben einen Zahlenwert und einen ihnen zugeordneten Sinn. Jedes
Wort stellt daher eine Abfolge von Zahlen dar, welche eine in ihr verborgene Dynamik von Schöpfungsgedanken anschaulich macht. Die Deutung von Wörtern und Texten erhält auf diese Weise eine zusätzliche Dimension.
An diese Stelle gehört eine dringende Abgrenzung und Klarstellung: Wie jedes Instrumentarium kann auch dieses seinem ursprünglichen Zweck entfremdet und missbraucht werden. Dann entsteht ein gefährlicher kabbalistischer Unsinn wie wir ihn aus der aktuellen esoterischen Szene kennen, die über sogenannte Schlüsselzahlen ,Macht- und Zauberinstrumente‘ machen will. Diese Gefahr hat zu jeder Zeit bestanden. Für die Redaktoren der heiligen Schrift war es deshalb von vornherein notwendig, die Ordnung sicher erkennbar und nachvollziehbar zu halten. Die größte und entscheidende Standardisierung der Schriften des AT geschah höchstwahrscheinlich am Ende des 1 Jh. und Anfang des 2. Jh. n.Chr. Seit dem verfügen wir über den so genannten vormasoretischen Text, der im Wesentlichen mit unserem heute bekannten masoretischen Text übereinstimmt. Ein Verfall kann, wie wir heute wissen, nicht nur auf der spirituellen Seite, sondern auch auf der wissenschaftlichen stattfinden. Kein geringerer als Heinrich Heine hat darauf hingewiesen:
Man kann die Ideen, wie sie in unserem Geiste und in der Natur sich kundgeben, sehr treffend durch Zahlen bezeichnen; aber die Zahl bleibt doch immer das Zeichen der Idee, nicht die Idee selber. Der Meister bleibt dieses Unterschieds noch bewusst, der Schüler aber vergisst dessen und überliefert seinen Nachschülern nur eine Zahlenhieroglyphik, bloße Chiffren, deren lebendige Bedeutung niemand mehr kennt und die man mit Schulstolz nachplappert. Dasselbe gilt von den übrigen Elementen der mathematischen Form.²⁸
Die Botschaft der Thora ist nach dem soeben beschriebenen Entfaltungsprinzip, analog der Urbeziehung Eins—Zwei schon im ersten Buchstaben, dem Beth des Bereschit, das im Alphabet zugleich der zweite Buchstabe ist, in Gänze enthalten – ähnlich eines Samenkorns, in dem bereits die gesamte Erbinformation steckt. Spätestens aber in den ersten zwei Worten und ihrer Gemeinsamkeit (Einheit) wird jedoch die schon in höchst konzentrierter Form enthaltene Botschaft des ersten Buchstabens deutlich.
Das dort behandelte Urproblem des Menschen ist seine von ihm so empfundene Trennung von der Einheit. Der Mensch findet sich in der für ihn verwirrenden Welt der Polaritäten, der Welt der Vielheit wieder. Im Zahlengleichnis ist das die Welt der Zahlen 2 bis unendlich. Das Einzige, dessen der Mensch sich sicher sein kann, ist die allgegenwärtige Polarität. Alles in der Welt ist von ihr geprägt. Von ihr ist er ,abhängig‘ (s. die „schlechthinnige Abhängigkeit“ Schleiermachers). Jene Qualität der Zweizahl verbindet der Mensch vorwiegend mit dem Sinn von Halbheit, Zweifel, Zwiespalt, Zwist und dem Begriff des ,Gegeneinander‘, worunter er leidet. Nur selten erhascht er von der Zweiheit einen positiven Eindruck, wie beispielsweise in einer ,Zweisamkeit‘, die wiederum nur vorübergehend und von kurzer Dauer ist.
Der Mensch mit seiner Erkenntnisfähigkeit, seinem unterscheidenden Verstand, ist seiner Natur nach getrieben, die Einheit zu reflektieren, denn er steht ihr zunächst gegenüber. Gelingt es ihm, die Beziehung zu ihr in rechter, verbindender (verbindlicher) Weise zu definieren, dann schließt er sie in seinem Bewusstsein ein, das sonach göttlicher Wesensart wird. Der Weg des Bewusstseins beginnt bei der Qualität, die ihr eigen ist. Das ist die Zweiheit, die Fähigkeit zu differenzieren, demgemäß auseinander zu halten und zu spalten. Als der Mensch sich im biblischen Gleichnis der Erkenntnis zuwandte, ging er diesen Weg des Spaltens. Darin folgte er dem Schöpfer, der vorbildhaft die Welt an 6 Tagen immer durch den Vorgang der Abspaltung schuf (Licht / Finsternis, Wasser oben / Wasser unten; Wasser / Erde; Sonne / Mond, Wassertiere / Vögel; Landtiere / Mensch). Der Weg der Entwicklung beginnt zahlensymbolisch gesehen mit der Zwei und ihrer Bedingtheit.
Die Genesis stellt mit dem Beth, dem 2. Buchstaben des Alphabets ganz demonstrativ die Zweizahl und ihren Widerspruch voran und entfaltet sodann das Prinzip durch alle Ebenen hindurch. Der ersten Bedingtheit folgt eine regelrechte Kaskade von Bedingtheiten und Widersprüchen. Betrachten wir die Zahlenwerte der ersten beiden Wörter, dann stellen wir fest, dass dem 2. Wort im Verhältnis zum 1. die zweite Hälfte fehlt. Auf der Satzebene wird die darin liegende Botschaft noch deutlicher.
Der erste Satz enthält exakt 11 der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Die ,Halbheit‘ stellt das Beziehungsverhältnis 1:2 heraus, um das es immer geht. Auch hier ist das Erste, der erste Satz, wie das ,B‘ am Anfang eine ,Halbheit‘. Das Voranstellen des Zweiten ist Programm. So erklärt sich auch der überaus eigenartige Bau des so wichtigen ersten Satzes. Anstatt des erwarteten, leicht zu bildenden und klar verständlichen Verbalsatzes „Gott schuf im Anfang den Himmel und die Erde …“, bei dem die Zahl 1 und zugleich Gott den Anfang eingenommen sowie das zweite Wort mit der Zwei begonnen hätten, beginnt die Schrift mit einem Konjunktionalsatz „[(Als) Im-Anfang schuf Götter…“] und einer Kaskade von Widersprüchen.

In dieser wohl kaum zufälligen Wahl verbirgt sich offenbar der Kern der Weisheit, die zu vermitteln die Schrift angetreten ist und die schon das Beth zum ersten Träger des religiösen Zentralgeheimnisses macht. Nach der kabbalistischen Tradition wird deshalb auch die paradoxe Konstruktion, der erste Buchstabe Beth zusätzlich mit einer kleinen Krone verziert.²⁹
Auf welche rechte³⁰ Weise sich die über die Zwei aufgebaute Spannung zu entwickeln hat, wird natürlich ebenso gleich zu Anfang in den ersten beiden Wörtern vermittelt: Eins und Zwei, das Ganze und das Teilhaftige, das Ungebrochene und das Gebrochene stehen sich gegenüber wie These und Antithese. Ziel von These und Antithese ist die Synthese. Die Synthese der zuvor getrennten Teile zu einem größeren und komplexeren Ganzen, welches die Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit sichtbar und erfahrbar macht, ist auch das Ziel und das Prinzip der Schöpfung. Wir erfahren das, wenn wir uns das erste (Ur-)Verb der heiligen Schrift, das bara [hebr. ,schöpfen‘] anschauen das explizit dem göttlichen Schöpfungsakt vorbehalten ist.
Die im göttlichen bara verborgene kabbalistische Weisheit offenbart sich in seiner Zahlenfolge 2→200→1. Sie beschreibt die an allem Anfang stehende, allgegenwärtige Polarität (2). Sie ist der Zustand der Spannung und Bedingtheit. Im dinglichen Sinn ist sie das Andere, eine Antithese zu etwas schon Vorhandenem. Synthese kann nur geschehen, wenn das jeweils andere nicht getötet sondern vielmehr erhöht wird. Das ist im wahrsten Sinn des Wortes »notwendig«, um im Vollzug der Synthese seine Aufgabe erfüllen zu können. Wenn die Zweiheit auf ein höheres Niveau gebracht wird, wird sie zur Synthese befähigt. Zahlensymbolisch wird das ins Bild gesetzt durch das Hinzutreten der Null. Das Polare wird, genau genommen, auf eine zweifache Weise er- höht. Dann erst wird Einheit (1) offenbar, was die heilige Schrift mit der Zahlenfolge 2→200→1 zu beschreiben versucht. Diese ersten drei Buchstaben und dieses erste Verb, das Tun Gottes, sind die höchste Konzentration biblischer Weisheit. Als solche bilden sie zugleich eine Halbheit (Bedingtheit), denn sie bilden genau (und nur) die Hälfte des ersten Wortes (Bereschit). Da- mit wird das Verhältnis 1:2 ins Bild gesetzt und ausgesagt, dass die Eins und die Zwei unabdingbar zusammen gehören. Diese gleiche Aussage wird auf gegenpolare Weise im 2. Wort, dem bara ins Bild gesetzt. Die gleichen drei Buchstaben bilden auch das zweite Wort; doch bilden sie hier das ganze Wort! Im ersten Wort, dem Sinnbild des Ganzen (Einheit) stehen sie für eine Halbheit und im zweiten Wort, dem Sinnbild der Polarität (Zweiheit), stehen sie für das Ganze. 2 = 1 und 1 = 2 heißt die Botschaft der ersten beiden Wörter. Sie stehen einander gegenüber wie These und Antithese.
Die Bibel hebt mit der Zwei an und bindet sie zugleich unmittelbar und auf polare Weise an die Einheit. Das zweite Wort ist auf zweifache Weise vollkommen: Die aus dem ersten Wort kommenden drei Buchstaben repräsentieren das Vollkommene, weil sie trotz ihrer Halbheit ein vollkommenes Wort sind und sie repräsentieren das Vollkommene, weil sie das vollkommene Tun Gottes beschreiben. Es ist also vollkommen obwohl ihm zum Ersten eine Hälfte fehlt und gerade dadurch, dass sie ihm fehlt.
Erst das dritte Wort („Götter“, hebr. Elohim), das Symbol der Synthese steht für das göttliche Subjekt. Oder anders ausgedrückt: Die Offenbarung der Einheit bedarf einer vorangehenden Zweiheit. Die Einheit offenbart sich erst in der Dreizahl! So versteht es sich, weshalb der so gewichtige Gottesbegriff Elohim nicht, wie wir es ursprünglich erwartet hätten, am Anfang der Schöpfung steht, sondern ,erst‘ an dritter Position. Das dritte Wort Elohim ist übrigens ein Plural-Name, so wie die gesamte Schöpfung eine plurale ist und erst in der Vielheit der Zahlen 2 bis unendlich zum Ausdruck kommt.
Diese biblische Kernaussage lässt sich ohne Einschränkung auf die Naturwissenschaften übertragen. Auch sie vollziehen auf die gleiche Weise die Ordnung nach. Auch sie spalten indem sie nach Erkenntnis streben. Doch wer nach Erkenntnis strebt, kann beim Spalten nicht bleiben. Ziel ist immer die Synthese. So bedeutet Erkenntnis dann auch die fortwährende Verringerung von Vieldeutigkeit bis eine Einheit, ein Ganzes sichtbar wird. Die Naturwissenschaften schließen mehr und mehr aus. An ihrem tiefsten Punkt bleibt ihnen jedoch keine andere Wahl, als sich, dem archetypischen Vorbild der Zahlenfolge 2→200→1 nach, dann auch wieder dem vormals ausgeschlossenen Subjekt zuzuwenden. Das ist dann der Augenblick, in dem „der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein wird.“³¹ Wegen ihrer Vorurteile, die zugleich die Vorbedingungen ihrer Existenz waren, finden sie nur gemeinsam die gesuchte, größtmögliche Kompression der Gesetze – den normativen Durchgriff der Zahlen. Am Ende offenbaren sie ihren Urgrund, die allen Anfang bildende Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit.
Die besondere Gabe des Menschen, in der Vielfalt der Erscheinungen das Einfache (z.B. das Regelmäßige und Beständige) zu erkennen macht ihn zum Ebenbild der Vollkommenheit. Sie macht ihn in einer auf den ersten Blick unüberschaubaren Welt überlebensfähig und sie macht diese Welt ein Stück weit
,berechenbar‘. Wenn das Berechenbare dann an seine natürlichen Grenzen stößt und mit seiner Halbheit konfrontiert wird, bedarf es erneut des Anderen, das seit langem schon an der gegenüberliegenden Seite der gleichen Grenze steht. Die Synthese wird eine neue, weniger dinghafte Wissenschaft sein. Sie wird eine Strukturwissenschaft sein und die Weisheit vernehmen, von der die Zahlen erzählen.
Wir wollen bei all dem Messbaren das Maßgebende finden. Wo immer wir hinschauen, es ist die unser Leben durchdringende Zahl. Sie ist es, weil sie eine ganz besondere, eine einmalige Beziehung zur Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit hat. Deshalb ist sie das ordnende Band des Weltenbaues. Die Zahl ruft uns eine unvergängliche Botschaft zu:
Ich rechne mit Dir. Auf mich kannst Du zählen.