Die Weisheiten der Vorzeiten wurden vorwiegend durch den Mythos weitergegeben. In der griechischen Philosophie haben sie dann eine deutliche Rationalisierung erfahren, die wir bereits in den Philosophien der Vorsokratiker finden. Schon sie trieb die Fragen an: Was ist das, was ist – das Seiende? Gibt es so etwas wie einen Urstoff? Ihre Antworten waren Teilantworten, welche uns keine umfassende und nachvollziehbare Ordnung erkennbar machten. Das änderte sich mit Pythagoras. Seine Antwort „Alles ist Zahl“ war besonders nachhaltig. Auf ihr beruht die gesamte Philosophie PLATONs, die ihrerseits eine ungebrochene Wirkungsgeschichte hinterließ. Keine wirkliche Ontologie und Metaphysik kommt, konsequent zu Ende gedacht, ohne sie aus. Das Zahlenwissen wurde zur Grundlage der abrahamitischen Religionen. Erst das Abrücken von der Existenz jeglicher Ontologie, wie es EMANUEL KANT versuchte, trennte die qualitative, erzählende Seite von der zählenden Seite der Zahl.ⁱ Seitdem wird die pythagoreische Lehre nicht mehr erörtert und mit dem Argument abgetan, sie wäre obsolet und dem Zeitgeist geschuldet. Obwohl sie nahezu in Vergessenheit geriet, bleibt ihre Wirkungsgeschichte ebenso gewaltig wie der durch die Naturwissenschaften beförderte Siegeszug der Zahlen. Letzterer brachte die Hypothek der Spaltung von Qualität und Quantität mit sich. Zahlen hatten nun nur noch eine zählende und keine erzählende Seite mehr. Dessen ungeachtet veränderten sie die Welt und bewirkten, dass Wissen methodisch ausweisbarsein muss. Es muss rational verantwortbar sein, d.h. es müssen für die Argumente sichere Gründe angegeben werden können. Sie werden durch Zahlen angegeben oder über eine Strenge belegt, die nur den Zahlen eigen ist. Es ist die Ironie des Schicksals. Wir nehmen den Wert und die Herrschaft der Zahl in den Wissenschaften zur Kenntnis und die Philosophen sind nach wie vor von der Frage bestimmt, was denn die Prinzipien sind, welche die Wirklichkeit konstituieren? Doch im Sinne einer Ontologie, d.h. zu einem konkreten Konstitutionsgrund stoßen wir nicht vor. Würden wir den Konstitutionsgrund an der pythagoreischen Wurzel packen und die Weisheit der Triade zur Anwendung bringen, würde uns diese Aporie auf eine neue Betrachtungsebene führen.
PLATON hat die Ideenlehre begründet und die Verbindung vom Mythos zum Logos erstellt. Die Verbindung ist aber nicht, wie ihn der viel genannte Satz „Vom Mythos zum Logos“ glauben macht, als ein einfacher, linearer Übergang zu verstehen, bei dem der bis dahin vorherrschende Mythos vom aufkommenden Logos verdrängt und ersetzt wurde, weil er schlichtweg überflüssig war. Eine solche lineare Denkweise war gerade nicht die PLATONs, im Gegenteil. PLATON dachte triadisch, wie er es in all seinen Dialogen zeigt. Danach wird ein einmal Existierendes durch sein Gegenteil herausgefordert und auf eine neue Erkenntnisebene gehoben. Der so genannte dialektische Vorgang setzt eine Entwicklung in Gang. Dessen Ergebnis ist wiederum eine Spannung, eine neue Polarität, die sich auf gleiche Weise emporschraubt. Der Leser der eine eindeutige Antwort im Sinne einer ewigen Wahrheit sucht, empfindet den neuen Zustand als Aporie und übersieht die in ihr angebotene Weisheit. Das vorher bereits Vorhandene erhält in den Platonischen Texten in der neuen Erkenntnis immer einen Platz. So erklärt es sich, dass auch PLATON bei den wesentlichen Erkenntnissen schließlich wieder auf den Mythos zurückgreift, wie es das Höhlengleichnis, das Liniengleichnis und das Sonnengleichnis zeigen.
Am Ende ist jeder Dialog und jeder Diskurs das Beispiel für eine Triade, eine Funktion und Bewegung, welche beschrieben wird. Jedes von PLATON vorgestellte Prinzip wird durch sie konstituiert. Selbst das erstrebte, höchste menschliche Bewusstsein, um dessen Herausbildung es geht, folgt ihr. So ist ein weiser Mensch einer, der nicht nur weiß, sondern auch weiß, was zu tun ist!