Bei der Exegese der Brüder-Erzählung und ihrer Tragik können die Namen ENOSCH und HENOCH nicht unbeleuchtet bleiben, obwohl ich deren Bedeutung und die ihrer Namen bereits an anderer Stelle beschrieben habe. Hier fasse ich mich deshalb kurz.
Die Etymologen sind sich über die Herkunft des Namens HENOCH uneins. Aus unterschiedlichen Wortwurzeln herleitend übersetzen sie den Namen u.a. mit «Gefolgsmann» oder «Knecht». Einige finden in ihm die Wurzel «HNK» (8-50-6-20), die für «klug» oder «gelehrt» steht und HENOCH deshalb mit «Eingeweihter» übersetzen.
Das Lesen der Texte in Kenntnis der Archetypen beendet die Unsicherheit in der Etymologie und gibt den Namen ein Fundament, das es möglich macht, sogar die sogenannte henochische Weisheit zu verstehen. Auf den Punkt gebracht handelt es sich um die Fähigkeit, den rechten Blick auf das wahre Wesen der Zwei zu entfalten und die sich unmittelbar daraus ergebenden, praktischen Konsequenzen zu ziehen.
Die Henochische Schau der Dinge erhebt das Bewusstsein. Die neue Schau auf die Zwei und das Zweimachen erhellt das Verhältnis des Geteilten (2) zum Ganzen (1). Das ist die Kernbotschaft, die zur 2ten Toledot führt und die mit der eigenartig wirkendenden zweiten Schöpfungserzählung beginnt (Gen 5,1). Die Erzählung ersetzt die Beziehung ADAM—KAIN/ABEL durch die Beziehung ADAM—SET. In der «neuen Zwei» ist SET ein «zweiter Zweiter». Der nun recht verstandene «Andere» (2) manifestiert (2+2= 4 = 22) und erschafft ein neues Fundament (4). SET umfasst die ursprüngliche Spannung der Brüder KAIN und ABEL in Form eines nun ganzheitlichen Subjekts (5). Das vergisst und verdrängt nichts, sondern hebt das zuvor Erzählte auf eine neue Bewusstseinsstufe, auf der das einst Schreckliche neu interpretiert und als ein notwendiger Teil des Ganzen erkannt wird. Das führt zu einer neuen Fruchtbarkeit, einer neuen Zählung und zu neuen Erzählungen.
Mit dem veränderten Blick auf die Zwei verändert und erweitert sich auch der Blick auf die Drei und die dritte Generation. In der ersten Geschlechterfolge wird die einmal von HENOCH (8-50-6-20) und das andere Mal von ENOSCH (1-50-6-300) angeführt (s. Abb. 1). Der zweifache Blick entspricht dem Archetyp der Drei, der stets einen Zwillingscharakter besitzt.

Abb. 1 Die Nachkommenschaft (Toledot) des ADAM über KAIN (links) versus SET (rechts)
Obwohl man bereits in der ersten Geschlechterfolge ENOSCH (1-50-6-300) als einen archetypisch Dritten ausmachen kann, tritt er in der zweiten Geschlechterfolge als ein solcher offensichtlich hervor. Dem musterhaft Dritten kommt hier die konkrete Verwirklichung der entstandenen Funktion zu. Mit ENOSCH tritt die der Schrift zugrundeliegende «entscheidenden Funktion» hervor, nämlich die Anrufung der Ganzheit in Form der Gottheit JHWH. Konsequent beginnt mit ENOSCH eine neue Zählung. Er wird zu einem neuen Ersten. In der vorangehenden, ersten Generationenfolge verkörperte ENOSCH nicht nur die 3. Generation (ADAM, SET, ENOSCH). Man übersieht leicht, dass er zugleich auch zu einem Fünften wurde (ADAM, KAIN, ABEL, SET, ENOSCH). Wenn er nun in der 2. Generationenfolge nicht nur die dritte Generation einnimmt, sondern zu einem neuen Anfang und so zu einem neuen Ersten wird, dann scheint darin die Formel 1—5 auf, welche die Schau des Subjekts (5) auf die Gottheit (1) ins Bild setzt, wie das die «Flussform der Zahlen» illustriert.
Die zweite Geschlechterfolge eröffnet erwartungsgemäß einen neuen Zwiespalt. Die so neu entstehende Schau der Ordnung macht auf die Einheit der Subjekte (5) vor allem über die neue Position von HENOCH aufmerksam. Ist er in der ersten Geschlechterfolge noch der unmittelbar Dritte (ADAM, KAIN, HENOCH), so wird er in der neuen Zählweise durch die Korrektur und den Ersatz des Zweiten zum fünften Nachfolgegeschlecht des SET (ENOSCH, KENAN, MAHALEL, JERED, HENOCH). Die Drei wird zur Fünf. Die Geometrien der beiden Formen erzählen vom Prinzip des Erhebens. Ihre Gegenüberstellung wiederum erzählt, wie sich die höhere Dimension ihrerseits aus der niederen erhebt und ein neues Dasein manifestiert.

Abb. 2 Die Drei erhebt sich auf archetypische Weise über die Ebene der Polarität (1—2).
Die Fünf bildet das Wesen des Erhebens in der höheren Raumdimension ab.
Das Subjekt HENOCH beschreibt das Erheben über zwei Dimensionen alias Geschlechterfolgen hinweg. Die so neu entstehende Polarität lässt nach den Gesetzen der Archetypen auf ein verbindendes Drittes schließen. Die aus der Fläche (Dreiecke) und dem Raum (Pyramide) hervorgehende Dimension ist von höherer, göttlicher Natur und mit den herkömmlichen Maßstäben nicht mehr zu (be)greifen. HENOCH steht aber auch für sie. Um ihr näherzukommen muss man einen noch genaueren Blick auf HENOCH und die zweite Geschlechterfolge werfen.
Zählt man nicht die Nachkommen des SET, sondern beginnt die Zählung mit SET selbst als einen Ersten, dann wird HENOCH zum Repräsentanten des Archetyps Sechs. Tatsächlich beschreibt HENOCH auch und sogar vor allem die Zahl Sechs, die sich durch das «wie innen, so auch außen» auszeichnet. Wie bei einem Sechseck Radius und Seite gleich sind, so baut der nun aktiv Erkenntnis gewinnende KAIN eine Stadt, die er den Namen seines Sohnes HENOCH gibt (Gen 4,17). Die zweite Geschlechterliste zeigt die Einheit trotz Differenzierung auf, indem HENOCH so viele Jahre lebt, wie das einzelne Jahr Tage hat, nämlich 365. Anstatt dem profanen Tod anheim zu fallen wird der Mensch HENOCH «entrückt» (Gen 5,23) und dem todgeweihten Leben enthoben.