An dieser Stelle darf eine häufig zu lesende Interpretation der matthäischen und markinischen letzten Worte Jesu nicht fehlen, die da lautet: „Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht“. Für diese andere und „zweite“ Auslegung der Worte Jesu, die im „Scheitern“ Jesu die Einheit, Ganzheit und Göttlichkeit des Geschehens ausdrückt, findet man keinen linearlogischen Beleg, welcher einer streng etymologischen Prüfung standhält.
Bleibt man in der Konsequenz des Psalm 22 und seiner über die Zahlen transportierten Botschaften, so geht es bei den letzten Dingen und der höchsten Weisheit um das an sich Undenkbare und das ist die Einheit völlig gegensätzlicher Erscheinungen. Sie folgt nicht aus der linearen Logik heraus oder aus feststehenden Wörtern und Etymologien. Was der Psalm 22 aus der Sicht des erlebenden Subjekts ausführt, das ist die frühe Botschaft des ersten Buchs der Bibel. Sie vermittelt, dass die gesamte Schöpfung von der Einheit, Ganzheit und Vollkommenheit – der Gottheit – umfangen ist. Zugleich ist der erste Buchstabe der Genesis nicht das Alef sondern das Beth. Der Erste ist linearlogisch der Zweite. Zusammen zeichnen sie das Bild des „Verlassens (2) der Einheit (1)“. Am Anfang steht der Bruch (2). Er ist es, der zur sogenannten Sieben-Tage-Schöpfung, zum Menschen und damit zur Anschauung der Gottheit führt. Auch der archetypische Mensch, der „Erdling“ Adam wird vom Erdboden (1-4-40) „abgetrennt“ und aus ihm erhoben. So steht er ihrer Ganzheitlichkeit gegenüber.
Das nächste „Verlassen“ führt zur Erschaffung der Frau. Im Tiefschlaf des „Erdlings“ (Adam) entsteht sie aus einer seiner zwei Seiten. Dadurch erst existieren die Subjekte Eins und Zwei, Mann und Frau. Obwohl sie gegensätzliche Erscheinungen sind, bilden sie eine symmetriegleiche Einheit. Um das Bild der Symmetrie zu vermitteln, bedient sich der Bibeltext zweier Wortstämme, die im Hebräischen sehr ähnlich klingen. Der Klang der Einheit umfasst die Unterschiede. Der Mann (vyai) wird mit „iš“ bezeichnet und die Frau (hV’a,,i) mit „išša“. Der auffallend ähnliche Klang wird von zweierlei etymologischen Wurzeln bewirkt. Um das hebräische Wortspiel erkennbar zu machen, übersetzt Luther das Wort für Frau als „Männin“.
„ … man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seinem Weibe kleben, und sie werden ein Fleisch sein“ (Gen 2,23f).
Die Genesis zeigt über die Dimensionen hinweg, dass die Zweiheit, das Subjektive und die Subjekte stets eine Aufwertung erfahren und ihre vermeintliche Unvollkommenheit überwinden. Da die reduzierte, lineare Logik auch die Etymologie konstituiert, spaltet sie, sofern man sie nicht dem wahren Wesen der Zwei unterordnet. Ihr früher Bruch in der Genesis geschieht deshalb nicht zufällig. Er wird sichtbar mit der Gegenüberstellung von Mann und Frau und deren beiden Sichtweisen auf die Welt und den jeweils anderen.
Für die Rezeptionen des Psalm 22 ist der frühe Bruch in der Etymologie wesentlich. Dort entfaltet er seine Wirkung im ersten Satz im vierten Wort, dem Verb «verlassen / bzo / āzav / 70-7-2». Im gleichzeitig zum Hebräischen existierenden und vor allem auch gesprochenen Aramäisch entspricht es dem «qbC / schabag / 300-2-100». Markus und Lukas beziehen sich auf das Aramäische und übertragen es in ihre Muttersprache Griechisch. Damit wird aber auch der Kontext des Wortes übertragen, der sodann auch im griechisch sprechenden Christentum immer mitschwingt.
Der Kontext des Verb «verlassen / bzo / āzav / 70-7-2» ist die Siebenzahl und deren Hineinwirken in die konkrete Welt, aus der sie einst erwachsen ist und in die sie nun in unberechenbarer Weise hineinbricht. Über sie wird das Umgekehrte, Gegensätzliche und völlig Andere sichtbar und im besten Fall auch dessen Sinn erfahrbar. Die Gegenüberstellung des aramäischen «schabag / 300-2-100» macht das deutlich. Auch dieses Wort ist Ausdruck der Sieben. Das verrät der Text in Genesis 2:2 vom siebten Tag, in dem das Zahlenpaar 300-2 die Zahl «Sieben» und das Verb «aufhören» konfiguriert:⁴
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lk;y>w:
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~yhil{a/
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~AYB;
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ATk.al;m.
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hf'[‚
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Und-es-hatte-vollendet
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Elohim
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an-d.-Tag,
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dem-siebten,
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sein-Werk,
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das
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er-hatte-gemacht.
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5-300-2-10-70-10
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tBov.YIw:
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~AYB;
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y[iybiV.h;
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ATk.al;m.-lK’mi
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rv,a]
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hf'[‚
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(Gen 2:2)
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Und-er-hörte-auf
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an-d.Tag,
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dem-siebten,
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von-allen─seinen-Werken,
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die
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er-hatte-gemacht.
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6-10-300-2-400
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5-300-2-10-70-10
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Das vierte Wort des Psalm 22, das «Verlassen» entfaltet darüber hinaus noch eine weitere „zweite Seite“, die der formal korrekten Etymologie nun vollends entgegenläuft. Das aramäische Zeitwort «schabaq» (300-2-100) klingt wie das hebräische Zeitwort «schabach» (300-2-8). Der Rückschluss des Aramäischen auf das Hebräische rundet den Blick auf das im Psalm 22 artikulierte «Verlassen» auch im Hinblick auf die Sieben und ihre heilbringende Wirkung ab, denn es bedeutet «preisen» oder «verherrlichen». Aus profaner Sicht tritt mit ihm eine regelrechte Bedeutungsumkehr ein. Aber gerade sie macht die wahre Tiefe des Psalm 22 aus: die Einheit von Gottverlassenheit und Heilsgewissheit. Seine Rezeptionen transportieren seine Botschaft und sie wurde zum Kern von sogenannten Einweihungsritualen, die das Erschauen der Gottheit nach einer vorangehenden Trennung von ihr inszenieren. Der Initiierte sprach nach seinem Erwachen aus dem „orphischen Schlaf“ bzw. dem „Hermesschlaf“, einem Tiefschlaf den Satz «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht!»⁵