Der Archetyp der Fünf erzählt von der Potenz, sich über die Natur, die Vier zu erheben. Sinnbildlich wäre das der Vogel. Sehen wir darin das Entstehen einer besonderen Macht, dann entspräche sie der eines Greifvogels. So wurden beispielsweise Adler und Wanderfalken zum Sinnbild für Freiheit und Macht. Sie sind frei, durchmessen den Luftraum souverän und pfeilschnell und sind ein in sich erhobener Teil eines funktionierenden Natur- und Ökosystems. Ihre in Tierfilmen immer wieder vorgeführte, stolze Unabhängigkeit ist der Inbegriff von unberührter Natur.
Das Erheben über die Natur ist ein erster Schritt der Bewusstwerdung und ein erster Schritt zur Entstehung eines Freiheitsgedankens. Ganz im Anfang geschieht das freilich unbewusst und wie von selbst. Das sich erhebende Subjekt ist noch völlig in eine geschlossene Ordnung eingebunden. Alles geschieht wie von selbst. Nach und nach jedoch dringt die neu gewonnene und wachsende Freiheit und Macht in das Bewusstsein des Subjektes ein. Im gleichen Maße wird es gezwungen, seine Freiheit zu platzieren. Die wachsende Freiheit und die wachsende Macht verlangen nach einem bewussten Umgang mit ihnen. Diese Platzierung und Orientierung ist vielfältig und scheint willkürlich zu sein. Anfangs scheint sie sogar übermäßig und wie vom Bösen gesteuert. Sie scheint die Gesetze des Ganzen zu brechen. Viele ihrer Handlungen wirken dem Ganzen gegenüber verächtlich und despotisch. Solche Entwicklung gleicht aber nur einem oder wenigen Pulsschlägen der Evolution. Nur wenige der Rhythmusstörungen führen zum Tode des Individuums oder der Entwicklung seiner Art. In der Regel erfolgt eine Korrektur, an deren Ende eine höhere Stabilität steht als vor der Rhythmusstörung. Vor allem aber hat sich dabei ein weiterer Bewusstseinszuwachs ergeben.
Dieses metaphorisch gemeinte Zwischenstadium eines Raubvogels kann man in seinen Details weiterverfolgen. Unter den Raubvögeln entstehen im Laufe der Zeit einige wenige Exemplare, die ein höheres Bewusstsein entwickeln und die göttlichen Gesetze ein wesentliches Stück weiter «überblicken». Sie reflektieren ihre Fähigkeit und die ihrer Artgenossen, die nicht oder noch nicht die Verantwortung für ein Ganzes übernehmen und noch nicht bewusst zum Diener und Erfüller der Gesetze werden. Zwischen beiden Vertretern ihrer Art, den unbewussten Subjekten und den bewussten Individuen entsteht eine natürliche Hierarchie, welche die reifen Individuen zum bewussten Handeln zwingt. Endlich wird aus dem Greifvogel der Mensch, der Falkner.
Die Zähmung¹ des Wilden ist ein Akt der Menschwerdung. Ein gegen die Falknerei auftretender Tierschützer (von seltenen Entartungen in der Falknerei einmal abgesehen, wie sie auf allen Gebieten existieren), versucht, aus einer zu kurzen Erdperspektive heraus den fruchtbaren Widerspruch zu überhöhen. Ein gezähmter Greifvogel erscheint ihm als Widerspruch in sich. Frei soll der Wanderfalke sein, den Luftraum souverän und pfeilschnell durchmessen können. Die vordergründige Freiheitsberaubung wird bei einem Wildvogel durch die Stärke seiner Symbolik – anders als beim Haus- oder Nutztier – als besonders verwerflich angesehen. Andererseits protestiert der Naturfreund und Tierschützer aber ebenso gegen die Falken in der Wirtschaft und vermag ihnen nichts Produktives und gleichzeitig Lebensfähiges entgegenzusetzen.
Mit einem Wildvogel gemeinsam jagen und ihn abzurichten symbolisiert den fruchtbaren Umgang mit den aus der Natur erwachsenden Hierarchien. Im praktischen, ritualisierten Umgang mit ihnen lernt der Mensch hinzu und schärft seinen Geist und sein Bewusstsein. Dieses Symbol begegnet uns bei Shakespeare: «Wie der Ochse sein Joch hat, Herr, das Pferd seinen Zaum und der Falke seine Bells, so hat auch der Mann seine Wünsche», heißt es in «Wie es euch gefällt».
„Bells“ sind die überaus feinen metallenen Glöckchen, die der abgerichtete Greifvogel am Fußknöchel trägt. Sie sind ein Zeichen für die Zähmung des Wildvogels und Shakespeare stellt sie sinnbildlich neben die süßen Ketten der Ehe, so wie das Joch für den Ochsen und das Zaumzeug fürs Pferd. So preist er die Kultur und die sie ausmachende, bewusst gewordene Beziehung von Freiheit und Bindung.
Die Falknerei und deren Beizjagd waren ganz bewusst ein Fürstensport. Schon für den mittelalterlichen Stauferkaiser Friedrich II. war die Beizjagd „vortrefflicher und künstlicher als das andere Waidwerck“. Denn „die Vögel, so in der Luft fliegen, können nicht mit Gewalt, sondern allein durch List und Verstand der Menschen gefangen und gerichtet werden„, schreibt er in dem von ihm verfassten Buch „Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen“.
Das Wesen der Falkner vereint zwei Eigenschaften, die einen Weg in die Zukunft weisen und die wir heute nicht weniger brauchen als zu Friedrichs Zeiten. Es ist oberflächlich das ökologisch sensibilisierte Denken² und inhaltlich und ganz allgemein ein prinzipieller Leitfaden, wie man edel anmutenden, schützenswerten „große Tiere“ und „Raubvögel“ richtig kennen lernt und versteht, indem man mit ihnen lebt. Der auf das Ego schauende Mensch tritt dabei zurück und wird gleichzeitig zum Teilhaber des eigentlichen Jägers.
Weiterführender Hinweis:
Das Entstehen des Bewusstseins (5) und dessen Fortentwicklung beschreibt die biblische Genesis in der Gegenüberstellung von 5ten und 6ten Schöpfungstag. Am 5ten Schöpfungstag werden die «Wasser- und Lufttiere» alias die Fische und Vögel erschaffen. Dabei wird der Vogel in seiner unauflöslichen Bindung zur Erde unter den anderen Tieren besonders herausgehoben. Der 6te Schöpfungstag erzählt von einer weiterführenden und nun entscheidenden Differenzierung. Er unterscheidet zwischen den drei Arten von Landtieren und den Menschen. Alle vier Lebewesen sind auf unterschiedliche Weise gebunden. Die Kriechtiere, Herdentiere und Wildtiere sind untereinander hierarchisch gegliedert, schauen aber alle nach unten auf die Erde. Nur der Mensch schaut gen Himmel. Aber auch das ist eine «Bindung». Von der «Zähmung», die eine Bewusstseinsentwicklung ist, erzählen sodann die zahlreichen Erzählungen der Bibel.